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Es muss in den ersten Tagen in Yunnan (Südchina) gewesen sein, als wir an sehr sonderbaren Konstruktionen vorbeifuhren. Auf den ersten Blick mochten sie wie große Biergärten oder sonstige Plätze für Feierlichkeiten erscheinen, waren sie doch großflächig mit Lichterketten behangen. Auf den zweiten Blick stellte sich jedoch heraus, dass die beleuchtete Fläche alles andere als frei oder etwa mit Bierbänken zugestellt war. Nein, die Beleuchtung zielte offensichtlich einzig darauf ab, die von uns hier ins Asien kennengelernten und fortan sehr geschätzten Drachenfrüchten zu bestrahlen. Obwohl wir einige Verdachtsmomente wie mehr Wachstum durch mehr Helligkeit, Anlocken von Insekten zur Bestäubung etc. ausbrüteten, erstaunte uns der Aufwand dieser Installation dann doch. Aber nun, China halt, da hatten wir schon ganz andere, teils nutzlose Mammutprojekte bestaunt.

Tatsächlich verspricht man sich von dieser aufwändigen Tageslicht-Simulation, dass man den Reifeprozess steuern und die Erntezeit verlängern kann. Drachenfrucht-Kakteen benötigen viel Sonnenlicht, um Blüten und Früchte zu bilden. In den Herbst- und Wintermonaten sind die Tage dafür eigentlich zu kurz. Durch die nächtliche LED-Beleuchtung wird den Pflanzen eine längere Tageslichtdauer vorgetäuscht und so kann man, statt nur saisonal Früchte zu ernten auch im Winter Drachenfrüchte einfahren, exakt dann wenn die Nachfrage und die Preise hoch sind. Und weil es so außergewöhnliche Früchte sind, quasi die Kamele der Obstwelt, hier noch ein paar Bilder von ihrer Blüte.




Apropos außergewöhnliche Stilblüten, machen wir doch einen kurzen Ausflug in die Welt des gegenwärtigen, turbokapitalistischen Glitzerchinas und gönnen einem Unternehmen aus dieser Welt etwas Aufmerksamkeit, welches ich zuvor noch nie gehört hatte, in China aber an jeder Ecke rumsteht: Mixue Bingcheng. Es gibt hier eine erklecklich große Anzahl an bunten, zuckerhaltigen Getränken und selbst einige Langnasen, die wir trafen, waren stark angetan von deren Produkten. Wir schafften es tatsächlich in über drei Monaten nicht ein Mal hier etwas zu konsumieren. Nicht ganz unsere Getränkewelt. Aber egal, die Massen scheinen es zu lieben. Und wenn eine Firma in China überall ist, dann muss sie einfach riesig sein. Galaktisch, abnorm und unüberschaubar. Mit über 46.000 Franchise-Filialen ist Mixue gemessen an der Anzahl der Filialen die größte Schnellrestaurant-Kette der Welt. Klar.

Aus der Reihe „Fabelwesen, die uns an allen Ecken und Enden fehlen“ – das Xiezhi (獬豸xièzhì). Ich begegnete dem X. das erste Mal am westlichen Ende der Großen Mauer und war sofort angetan von seiner widerborstig-charmanten Art. Es sieht aus wie ein stämmiges Einhorn, welches einen kleinen Drachen verschluckt hat und ist in der gesamten Sinosphäre zu Hause. Es verfügt über einen erstaunlich großen Intellekt und versteht natürlich die menschliche Sprache. Selbstverständlich kann das X. dementsprechend richtig und falsch unterscheiden, und spießt folgerichtig korrupte Beamte mit seinem Horn kurzerhand auf und verschlingt sie.

Da es für Unbestechlichkeit und Moral steht, ist es bis heute ein traditionelles Symbol für das chinesische Rechtssystem. So kam es dazu, dass Richter im Alten China ihre Hüte diesem Wesen widmeten. Der traditionelle Richterhut, bekannt als Xiezhi-Hut (獬豸冠, Xiezhiguan) oder auch Faguan (法冠, Rechts-Hut), zeichnete sich in der chinesischen Geschichte durch seine charakteristische, hohe Form aus, die oft an die Form einer Säule oder eines Horns erinnerte, um die unbestechliche Natur des Fabelwesens Xiezhi zu symbolisieren. Hm, nun, gut, wenn man es weiß. Andererseits nein, da hätte ich schon mehr erwartetet. Was spräche denn dagegen, alle Richter mit einem markanten, weithin sichtbaren Horn auszustatten?! Das wäre doch nun wirklich nicht zu viel verlangt.

Nach dergleichen überfälligen Erwägungen hinsichtlich angemessener, justiziabler Hutmode kommen wir nun zu den „vier Schönheiten des Alten Chinas“. Warum?! Ganz einfach. Als ich meine freie Zeit als frisch gebackener Strohwitwer in Hohhot vertändelte, bändelte ich mit einer der vier Schönheiten an, bzw. mit ihrem Grab. Das berühmte Zhaojun-Grab (Zhaojun Mu) befindet sich in der Nähe der Stadt und ist eine beeindruckende Gedenkstätte. Der 33 Meter hohe Grabhügel wird nicht nur „Grünes Grab“ genannt weil es hübsch klingt oder die Lieblingsfarbe der Schönheit war, sondern weil dieses Grab angeblich das ganze Jahr über begrünt ist. Wie auch immer sie das hinbekommen.
Aber nun zur „Bewohnerin“ des Grabes: Wang Zhaojun. Sie stammte aus der frühen Han-Dynastie und wurde „freiwillig“ an einen Herrscher der Xiongnu in den nördlichen Steppen verheiratet, um den Frieden zwischen den Völkern zu sichern. Wir wollen uns nicht unnötig an dieser „Freiwilligkeit“ festkrallen, sondern uns vielmehr der Beschreibung der vier Grazien des chinesischen Altertums widmen, denn hierbei verharrte ich zumindest einen kurzen Moment und dachte daraufhinlänger über Schönheitsideale, bzw. ihre Vermarktung im Wandel der Zeiten und Kulturen nach. Hier die vier Schönheiten in chronologischer Reihenfolge:
- (西施) Xi Shi (zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen, 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr.) soll „so schön [gewesen sein], dass ihr Anblick die Fische tiefer tauchen ließ“.
- (王昭君) Wang Zhaojun (während der Westlichen Han-Dynastie, 1. Jahrhundert v. Chr.) soll „so schön [gewesen sein], dass Gänse im Flug vom Himmel fielen“.
- (貂蟬 / 貂蝉) Diaochan (während der Östlichen Han-Dynastie, 2. Jahrhundert n. Chr.) hatte angeblich „ein Antlitz, bei dem der Vollmond sein Gesicht hinter den Wolken verbergen würde“.
- (楊貴妃 / 杨贵妃) Yang Guifei (während der Tang-Dynastie, 719–756), hatte angeblich „ein Gesicht, das alle Blumen beschämen würde“.
Also, ich weiß nicht. Wenn Fische tiefer tauchen, Gänse vom Himmel fallen und der Mond sich vor deinem Antlitz versteckt, würde ich ja nicht auf Anhieb darauf kommen, dass ich mit besonderer Anmut und Schönheit gesegnet wäre. Aber was weiß ich schon über sowas. In den Ausführungen wird es dann aber noch bunter. Denn in der Literatur werden ihnen immer wieder auch kleinere Makel angedichtet, um ihre Gestalten wirklichkeitsnaher erscheinen zu lassen. Xi Shi soll beispielsweise größere Füße als die meisten Frauen ihrer Zeit gehabt und an Schmerzen im Brustkorb gelitten haben. Yang Guifei roch unangenehm und war etwas untersetzt, entsprach aber doch noch knapp dem Schönheitsideal der Tang-Dynastie. Wie gesagt, eine knifflige Angelegenheit mit der Schönheit sowie ihrer Beschreibung.
Wir bleiben in der streitbaren Welt der Ästhetik und ihrer wechselhaften Wahrnehmung. Diese bärtige und leicht irre dreinschauende Figur begegnete mir in etlichen Tempeln und gefiel mir vom ersten Augenblick an. Es handelt sich hier um Zhong Kui (chinesisch 鍾馗), eine berühmte Sagengestalt und daoistische Gottheit in der chinesischen Folklore. Auch seine Leben ist durch das heikle Thema Schönheit stark beeinflusst.

Der Legende nach war Zhong Kui ein hochintelligenter Gelehrter, der die kaiserliche Beamtenprüfung mit Bravour bestand. Aufgrund seines hässlichen Äußeren wurde ihm der verdiente Titel jedoch vom Kaiser verweigert, woraufhin er sich selbstverständlich aus Protest das Leben nahm. So absurd, wie bizarr. An dieser Stelle könnte man eigentlich abbrechen und über die erstaunliche Stellung der äußeren Erscheinung in der traditionellen, chinesischen Gesellschaft sinnieren. Doch die Legende verharrt hier nicht sondern bietet folgende sonderbare Wendung an:
Der Höllenkönig (oder, nach einer anderen Überlieferung, der Kaiser, den seine Entscheidung reute) verlieh ihm danach den Rang eines Dämonenjägers mit dem Auftrag, bösartige Geister und Dämonen zu töten. Tja, keine Entschuldigung oder gar Rehabilitation, aber zumindest eine Anstellung und demzufolge eine Aufnahme in den Pantheon. Könnte schlimmer laufen, aber richtig nett ist auch anders.
Kommen wir nun noch zu einer dieser Anekdoten, denen ich selten widerstehen kann. Sie spielte sich in grauer Vorzelt der chinesischen Baugeschichte ab: Die Legende vom Baumeister und dem losen Stein handelt während des Baus an der Großen Mauer und dem sie abschließenden Jiayuguan-Fort in der chinesischen Provinz Gansu. Es wird noch etwas dauern bis China in rastloser Geistlosigklgkeit beginnt, das gesamte Land mit megalomanischen Bauprojekten, die nach Fertigstellung ungenutzt verfallen, zuzupflastern. Anderseits könnte man schon die Große Mauer als eines der ersten Projekte dieser Art einschätzen. Ob Geisterstadt, leergefegte Mall oder Parkplatzuniversum – gigantisch und nutzlos war die Große Mauer gleichermaßen. Die Legende beschreibt nun aber die unfehlbare Präzision der Chinesen bei ihren Bauprojekten seit Anbeginn der Zeiten.

Der verantwortliche Bauleiter Yi Kaizhan wurde vom lokalen Beamten aufgefordert, die exakte Anzahl der benötigten Ziegelsteine für den Festungsbau zu nennen. Yi nannte eine sehr präzise Zahl. Der misstrauische Beamte bezweifelte die Richtigkeit und fragte spöttisch, ob diese Menge wirklich ausreichen würde. Um den Baumeister zu prüfen, fügte er genau einen zusätzlichen Ziegelstein hinzu. Nach der Fertigstellung des beeindruckenden Forts war das Bauwerk perfekt vollendet – und es blieb exakt ein einzelner Ziegelstein übrig. Aus Respekt vor der meisterlichen Präzision des Baumeisters wurde dieser letzte Stein lose auf eine der Zinnen über dem Westtor (dem Tor der Versöhnung) gelegt.
Wenden wir nun den Blick über den Teller- und Mauerrand hinweg, schauen wir endlich wieder in die wilde, unberührte Mongolei. Eine Landschaft wie sie war bevor all dies hier begann. Hier lebte einst unablässig Fleisch futternde Barbaren, die mordlüstern und unkultiviert umherritten und sämtlichen Nachbarn ein ständiges Ärgernis waren. Soweit das Klischee und die chinesische Perspektive. Da verwunderte es mich doch enorm als ich in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei auf mongolische Steintafeln zur Astronomie stolperte.
Natürlich verwundert es angesichts dieses prächtigen Sternenhimmels, dem man hier in der Mongolei fast immer ausgesetzt ist, gar nicht so sehr, dass die Mongolen, hiervon inspiriert, solche Steintafeln schufen. Allein, es widerspricht ein wenig dem Vorurteil von den ungehobelten Raubeinen, die nur dank ungezügelter Gewalt ein Weltreich errichten konnten. Doch derlei einfache Einschätzungen sind, wie wir hier schon mehrfach lernen durften, schlichtweg falsch und an Banalität kaum zu übertreffen.

Die mongolischen Sterntafeln, über die ich im Internet sonst nicht mehr viel rausfinden konnte, enthalten über 1550 Sterne und unterteilt den gesamten Himmel nach dem System der „Drei Sternbilder und Achtundzwanzig Häuser“ in Sternbilder. Die Tafel verzeichnet außerdem deutlich die Ekliptik, den Äquator, zwölf Häuser, vierundzwanzig Sonnenabschnitte, zwölf Sternordnungen, Legenden zu den Sternhelligkeiten und Skalen.
Wenn man nochmals genauer drüber nachdenkt, ist einem diese Annahme von vorhin einfach nur peinlich. Natürlich musste eine, wie auch immer geartete Astronomie tief in der nomadischen Lebensweise verwurzelt sein. Die Sternbilder waren in dieser merkmalsarmen Gegend lebenswichtige Orientierungshilfen und waren außerdem wichtig für die Vorhersage von Wetter- und Jahreszeiten. Interessant ist hierbei, dass die meisten mongolischen Konstellationen nach der lokalen Tierwelt und traditionellen Objekten benannt sind. Ein paar Beispiele gefällig?!
- Altan Gadas (Der Polarstern / Der Goldene Pflock): Die wichtigste Konstante am Himmel. Nomaden stellten sich den Himmel wie ein riesiges rotierendes Rad vor, bei dem die Sterne wie Pferde an den Altan Gadas angebunden sind. Er ist der Ankerpunkt der Navigation.
- Doloon Burkhan (Der Große Bär): Bekannt als die „Sieben Götter“ oder „Sieben alten Männer“. Er ist eines der am stärksten verehrten Sternbilder, das traditionell für Segen, Schutz und als Glücksbringer gilt.
- Gurvan Maral Od (Die drei weiblichen Rothirsche): Dieses Sternbild umfasst den Gürtel des bekannten Orions. Hirsche spielen eine zentrale Rolle in der zentralasiatischen Mythologie und waren im mongolischen Schamanismus von großer Bedeutung.
„Mittleres Qahar-Banner des Rechten Flügels“ – ein Ortsname wie aus einem schwülstigen Fantasy-Roman. Auflösung: „Banner“, mongolisch für Verwaltungsbezirk; „Qahar“, Name des Stamms; „rechter Flügel“: mongolisch für Westen; „mittlere“: weitere Aufteilung.

Also: „Der mittlere Landkreis im westlichen Siedlungsgebiet des Chahar-Stammes.“
Und ein weiteres Beispiel für die eherne Gesetzmäßigkeit: Je kleiner die Siedlung, desto größer der Ortsname.
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