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Tscha, Russland. Das wäre ja nun mal ein Land wo man nicht in Bedrängnis bei der Auswahl geraten sollte. Könnte man annehmen. Doch angesichts der Ausgangslage, dass ich dann doch schon den einen oder anderen Klassiker wie auch modernere Vertreter der Russischen Literatur genossen habe, fielen einige Kandidaten raus. Und dann verwunderte mich das Angebot meiner geschätzten Online-Bibliothek (VOEBB) schon sehr.
Außer den allerüblichsten Verdächtigen und der aktuellen Sachbuchliga der Kategorie „Schimpf & Schande“ fand sich kaum ein Büchlein von Interesse. Weder die sibirischen Autoren wie Walentin Rasputin „Abschied von Matjora“, der wohl berühmteste burjatische Dichter Bair Dugarow, Wladimir Sangi oder auch Klassiker wie Tschechows „Reise durch Sibirien“, Astafjews Meisterwerk über den Jenissei, ja selbst Solschenizyns Werke fehlten gänzlich (nicht, dass ich dessen Bücher für unsere Sommerfrische am Baikal ernsthaft in Erwägung gezogen hätte).
Die Lücken, die mir da entgegenklafften, stimmten mich bedenklich. Zufall, leidlich bekannte Zahlungsschwäche der öffentlichen Hand oder steckt da etwa mehr dahinter? Brauchen wir keinen Zugang mehr zu diesen verrohten, allein der Gewalt und der Häme frönenden „grauen Automaten“, welche sowieso, anders als wir aufgeklärten, rationalen Wundermenschen „einen anderen Bezug zu Gewalt, zum Tod haben“. Wäre es daher nicht einfach unsere Pflicht als zivilisierte Kulturwesen, jeglichen Kontakt zur russischen Kultur komplett zu kappen, so es diese denn überhaupt gäbe oder gegebenenfalls stets nur ein löchriges Feigenblatt der ausnahmslos angriffsbreiten Gewaltkultur Russlands wäre. Keine skeptischen Kommentare an dieser Stelle! Ich kenne Menschen, die derlei Dinge tatsächlich glauben und verbreiten. Aber wahrscheinlich ist der übliche Geldmangel öffentlicher Bibliotheken und der steigende Bedarf nach Young-Adult-Schund ein weitaus realistischerer Erklärungsansatz.
Kommen wir daher nun zu Tolstois letzten Wurf – ein überraschend lesbares, aufgeräumtes Werk was wohl in erster Linie als Generalangriff auf das marode und heuchlerische Justiz- und Gesellschaftssystem der späten zaristischen Epoche gesehen werden muss. Die Handlung wird hier allzu oft vom Erklärbär durch die Manege gezogen, so dass ich häufig mehr das Gefühl hatte, in einer Aufklärungskampagne zu stecken als in einem dichten Roman. Doch das geht in Ordnung, denn die Gedankentiefe entschädigt zweifellos. Dabei wäre hier der Kerngedanke zu erwähnen über den ich tatsächlich in den letzten Wochen häufig nachdachte.
„Diese große Umwandlung, die sich in ihm vollzogen, kam ganz einfach daher, dass er nicht mehr an sich selbst, sondern an die anderen glaubte. Er hatte aber den Glauben an sich selbst aufgegeben, um nur noch den anderen zu vertrauen, weil ihm das Leben an sich selbst zu schwer erschien; denn um im Vertrauen mit sich selbst zu leben, musste er nicht an den Nutzen seiner eigenen selbstsüchtigen, nur für das Vergnügen sorgenden Person denken, sondern musste fast immer im Gegenteil gegen die Interessen dieser Person handeln. Lebte er dagegen im Vertrauen auf die anderen, so brauchte er gar keine anderen Bestimmungen zu treffen, denn es war schon alles im voraus zu seinem Vorteile bestimmt. Außerdem setzte er sich, wenn er an sich glaubte, fortwährend der Missbilligung der Menschen aus; vertraute er dagegen den andern,so durfte er gewiss sein, dass Lob seiner Umgebung zu ernten.“
Sich selbst als moralischen und allgemein gültigen Kompass mehr zu vertrauen als den gesellschaftlichen Konventionen ind Vereinbarungen? Ich weiß schon wo er hin will und ich halte diese Stoßrichtung für nachvollziehbar wenn auch äußerst ambitioniert und nicht in jedem Menschenfalle empfehlenswert. Dennoch ein wertvoller Gedanke, der in diesem Buch aus den verschiedensten Perspektiven beäugt wird: Vertraue dir und sei nicht Sklave von Konventionen! Da kann von meiner Seite kaum etwas hinzugefügt werden. Und auch sonst gibt es reichlich Gedankenanstöße von einem dieser „grauen Automaten“ aus dem Reich der Dunkelheit.
Außer vielleicht der Sache, dass ich die schnelle Wandlung des privilegierten Fürsten zum Verteidiger der Armen und Entrechteteten etwas zu konstruiert empfand und, ach Gott, bitte. Es wird im Deutschen „Katjuscha“ geschrieben, KatJuscha. Wer auch immer bei meiner Ausgabe die Version „Katuscha“ gestattete, sollte für alle Zeiten in der Lektorenhölle Deppenapostrophe nach Farben sortieren.
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