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Die Idee zu dieser Spezialfolge kam mir kurz vor dem Übersetzen auf Griechenlands neuntgrößte Insel als ich in Vorbereitung auf diesen Ausflug Folgendes las:
Weil Aphrodite ihre Heiligtümer auf Lemnos vernachlässigt sah, strafte sie alle Frauen der Insel mit übelriechendem Atem. Als Folge blieben ihnen ihre Gatten fern und vergnügten sich stattdessen mit thrakischen Sklavinnen. Die eifersüchtigen Gattinnen brachten daraufhin in einer Nacht alle männlichen Bewohner der Insel um.
Ich meine Geschichten von solch schnörkelloser Durchgeknalltheit findet man in den Mythen und Legenden an allen Orten der Welt, doch nirgends in einer derart kompakten, komplexen und allgegenwärtigen Form. Zeit sich auf die Suche nach vergleichbar gutem Stoff zu begeben und eine Sonderfolge zu stricken. Was soll ich sagen? Ich bin mehr als fündig geworden.
Also bleiben wir doch gleich in Lemnos oder Limnos, ganz wie alt- oder neugriechisch man sich fühlt und widmen uns einem gewissen Philoktetes. Dieser wurde einfach mal von einem noch gewisseren Odysseus auf Lemnos ausgesetzt. Philoktetes war auf einer anderen Insel von einer Schlange gebissen worden, die Wunde wollte nicht heilen, schwärte und eiterte und stank das ganze Schiff voll, die Schmerzensschreie des verletzten Kriegers drohten die Kampfesstimmung der Mannschaft zu verderben, die unterwegs nach Troja war, um die von Paris entführte Helena zurückzuholen. Was sollte man da anderes tun als den Kameraden in einer bestens ausgestatteten Höhle abzusetzen und gute Genesung und das Beste für den weiteren Lebensweg zu wünschen.

So verbrachte der nachweislich beste Bogenschütze der damals bekannten Welt neun Jahre in einer Höhle im Nordosten der Insel, heute Ausflugsziel und als „Höhle des Philoktetes“ bekannt, mit einem Ausgang zum Wasser und einem an Land, bevor er wieder abgeholt wurde. Und ja, die gleichen Kumpane trauten sich tatsächlich schon nach einem knappen Jahrzehnt wieder bei ihm vorbeizuschauen, denn sie brauchten ihn. Ohne ihn und seine berüchtigten Giftpfeile wäre nämlich nach einem Orakelspruch kein Sieg über Troja möglich.
Philoktetes hatte sich nachvollziehbarerweise geschworen, nie wieder mit dieser erbärmlichen Bande etwas zu tun haben zu wollen. Dennoch sagte er zu und wird in Troja dann sogar endlich von niemand geringeren als Asklepios von seinem Schlangenbiss geheilt. Zum Abschluss gibt es dann auch noch einen fetten Versöhnungspräsentkorb: Sieben trojanische Jungfrauen, zwölf Dreifüße und zwanzig Rosse. Achja, und dann erschosss Philoktetes natürlich noch Paris mit einem der Pfeile des Herakles.
Apropos, Herakles, über ihn weiß man ja nun auch gemeinhin einiges, zumeist diverse Heldentaten und sonstige Kraftmeiereien. Weniger bekannt ist wohl sein Ende. Eine eifersüchtige Ex bescherte ihm das später sprichwörtlich gewordene „Nessoshemd“, welches sich mit seiner Haut verband und ihm unerträgliche Schmerzen verursachte. So entschied sich der Heldenveteran zum Suizid, schichtete etwas Holz auf und war schlussendlich dann doch ⁷nicht in der Lage, das Feuer unter sich anzuzünden. Klar, 12 unmögliche Heldentaten absolvieren, aber selbst kein Feuer ankriegen. Glücklicherweise hatte er ja noch richtig gute Freunde wie zum Beispiel, na? Genau, der gute, alte Wundbrand-Philoktetes kam dahergewankt und fackelte nicht lang und den Halbgott ab.
Der eher der C-Prominenz der griechischen Ideenwelt zugehörige Erysichthon demonstriert auf gleichermaßen grausame wie gerechtfertigt Art und Weise des Baummörders tragischen Lebenslauf: Er veranlasst eines Tages kaltherzig die Fällung einer heiligen Eiche der Demeter, ohne dabei auf das Bitten und Flehen der Dryade zu achten, die mit dem Baum sterben musste. (Kurze Abschweifung zu Dryaden: Es handelt sich hier um eine der zahlreichen Nymphenuntergruppen – in diesem Falle hilft das griechische Wort δρῦς drýs für „Baum, Eiche“ weiter. Obwohl Dryaden später als Baumgeister aller Baumarten bekannt wurden, waren es ursprünglich nur Nymphen der Eichen).

Diese Legende halte ich im übrigen für gar nicht so abgedreht. Ganz im Gegenteil: Das Gleichnis des Raubbaus an der Natur und des ewigen, unstillbaren Hungers halte ich für eine überaus stimmige und ernstzunehmende Warnung vor der selbstzerstörerischen Gier der Menschheit.
Medusa sollte eigentlich jedem ein Begriff sein. Die junge Dame mit der Schlangenfrisur und dem Blick, der jeden zu Stein erstarren ließ, ist ein geläufiger Allgemeinplatz in der gegenwärtigen Popkultur. Weniger bekannt ist dagegen wie sie zu diesem, eher grauenerregenden Äußeren kam. Sie wurde mit diesen grässlichen Attributen tatsächlich ausgestattet als Strafe dafür dass sie sich vergewaltigen lassen hatte. Ich wiederhole: das Opfer wurde sanktioniert. Perverse Herangehensweise, aber bei weitem nicht so historisch und abwegig wie man annehmen wollte und sollte, betrachtet man sich vergleichbare Vorkommnisse in der Gegenwart der Sterblichen einmal genauer. In Medusas Fall verhielt es sich nun folgendermaßen:

Medusa war ursprünglich eine betörende, schönhaarige Schönheit. Als aber Pallas Athene in einem ihrer Tempel Poseidon überrascht, der Medusa vergewaltigt, war sie darüber so erzürnt, dass sie Medusa in ein Ungeheuer mit Flügeln (das war mir neu!) und Schlangenhaaren, die Brust mit Ringeln einer Schlange bewaffnet, verwandelte. Ihr Anblick ließ jeden zu Stein erstarren. Eine finstere Geschichte, die einem fast jegliche Lust an der Beschäftigung mit dieser Olymp-Gang vergehen lässt.
Also besser ein paar Schritte Abstand vom dreckigen Dutzend des Olymps – wie verhält es sich denn eigentlich mit diesen Nymphen. Die tauchen scheinbar an allen Ecken und Enden der Erzählung auf. Irgendwie erwecken sie ein wenig den Eindruck von Platzhaltern und Lückenfüllern für die Stringenz der Geschichte wenn ein Gott zu übertrieben wäre und ein Sterblicher zu schnöde. Im Prinzip handelt es sich hier wohl um so etwas wie einen weiblichen Naturgeist. Im weiteren Sinne wird die Bezeichnung dann auch für Priesterinnen gebraucht.

Doch zunächst müssen wir zu unterscheiden lernen – es gäbe da Najaden (Wassernymphen), welche keinesfalls mit den Meeresnymphen (Nereiden) in einern Bottich geworfen werden sollten; Regennymphen (Hyjaden) und zum unterstellen die passenden Höhlennymphen; dann wären da noch die Plejaden, eine Nymphenschar ohne erkennbaren Fachbereich und etliche Lokalnymphen, womit jetzt nicht die übliche Tavernennymphe gemeint wäre; natürlich wird so etwas Mächtiges wie der Wald nicht von einer einzigen Nymphe abgearbeitet, nein! Es gibt Dryaden (Baumnymphen) – gerne auch für jede Baumart eine spezielle Nymphensorte – Wiesennymphen (Leimoniaden) und Talnymphen (Napaien) und selbstverständlich Bergnymphen (Oreaden). Eine der bekanntesten Oreaden sollte Echo sein. Die Göttin Hera beraubte sie der Sprache und ließ ihr lediglich die Fähigkeit, die letzten an sie gerichteten Wörter zu wiederholen. Warum? Nun, ganz einfach, Echo erhielt von Zeus den Auftrag dessen Gattin Hera mit dem Erzählen von Geschichten abzulenken, damit dieser Zeit für amouröse Abenteuer hatte. Als Hera dieses Komplott entdeckte, fiel ihr einfach keine bessere Reaktion ein.

Bleiben wir einen Moment bei Apollon, dem Gott mit der zweifellos längsten Liste an Frauen, Geliebten und Lorbeerbäumen im Olymp. Dagegen könnte man ja sogar noch den Göttervater Zeus als monogam und treuherzig bezeichnen.

Doch Moment mal, Lorbeerbäume? Alles begann als Apollon den Liebesgott Eros als schlechten Schützen verspottete. Da fiel dieswm nichts besseres ein als einen Liebespfeil mit einer goldenen Spitze auf ihn und einen mit bleierner Spitze auf Daphne (mal wieder eine Nymphe!) abzuschießen. Apollon verliebte sich unsterblich in Daphne, während diese, von einem genau das Gegenteil bewirkenden Pfeil Eros’ getroffen, für jene Liebschaft unempfänglich wurde. Nun begann eine triebgesteigerte Verfolgungsjagd, welche final in einer Vergewaltigung zu enden drohte. Erschöpft von der Verfolgung durch Apollon flehte sie zu ihrem Vater Peneios, dass er ihre – den Apollon reizende – Gestalt wandeln möge. Daraufhin erstarrten ihre Glieder und sie verwandelte sich in einen Lorbeerbaum. Selbstverständlich verknallte sich der junge Gott nun umstandshalber in selbigen Baum. Zum Gedenken an Daphne trug er einen Lorbeerkranz oder eine mit Lorbeer geschmückte Kithara.

Vielleicht nicht unbedingt aus dem Fachbereich Mythologie, aber zum Abschluss noch ein kleiner Ratschlag aus dem reichen Portfolio an Tipps für ein gutes Leben aus der fernen Vergangenheit:
Pisse auch nicht zur Sonne gewandt im Stehen)*;
nach ihrem Untergang aber bis kurz vor dem Aufgang pisse bedachtsam auch nicht auf dem Weg noch neben dem Weg im Gehen und auch nicht entblößt, denn die Nächte gehören den Göttern.
Hockend macht es ein trefflicher Mann)**, der weiß, was man tun soll, oder er tritt zur Wand des wohlumwehrten Gehöftes…..
Pisse nie in die Wogen meerwärts strömender Flüsse, nie auch in die Quellen, nein, meide es gründlich.
Entleere auch dort nicht den Leib, denn es bringt dir nichts Gutes.
Hesiod: Werke und Tage, Stuttgart 1996
Anmerkungen dazu:
)* Urinieren zur Sonne gewandt verboten auch die pythagoreischen Symbola: Aus den symbolischen Vorschriften des Philolaos für Phytagoreer: „nicht gegen die Sonne pissen… nicht auf abgeschnittene Nägel oder Haare pissen oder treten…“
)** Urinieren im Hocken findet sich als Brauch frommer Männer in Griechenland noch heute; Herodot berichtet es auch von ägyptischen Männern.
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Die Übersichtskarte ist tatsächlich sehr hilfreich. ;-)
Aber ich finde, man braucht ebenso dringend und unbedingt eine Visualisierung der ganzen verwandtschaftlichen, liebschaftlichen und anderweitigen Beziehungen zwischen und unter dem Personal:
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