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Den Anfang machte ich mit Fang Fangs „Glänzende Aussicht“– 9 Kinder auf 16 Quadratmetern, Schnaps, Gewalt und Eiseskälte im Umgang miteinander. Kein schönes Leseerlebnis sollte man meinen, doch der Autorin gelingt es, diese üble Darstellung derart zu verpacken, dass sie lesbar bleibt. Ich war zwar größtenteils geschockt und betroffen, aber nie so stark um abzubrechen. Ganz im Gegenteil, irgendwie steckt hier auch eine seltsame Leichtigkeit drin, über die man einiges vom China vor der Glitzer-Weltmacht-Ära erfährt. Ein mutiges Buch, welches zwei Jahre vor dem Tiananmen-Massaker erschien und sich im Unterschied zu den meisten Romanen der chinesischen Gegenwartsliteratur nicht der Vergangenheit oder Zukunft zuwendet.

Dennoch hatte ich nach diesem harten Stück Literatur Lust auf etwas Entspannung und entschied mich für Chinas Vergangenheit. Dafür wählte ich ein Buch, welches aus den verschiedensten Blickwinkeln verführerisch blinkte und funkelte: Jin Yongs „Die Legende der Adlerkrieger“ sollte nicht einfach nur ein Kung-Fu-Roman sein, dieses mehrfach verfilmte Werk wurde in etliche Sprachen übersetzt und gilt in China als Meilenstein der Wuxia-Literatur. Die Rezensionen überschlugen sich förmlich – skurrile Figuren und ausgeklügelte Kampfkunstformen – außerdem eine Einführung in die chinesische Geschichte, in chinesische Traumata wie die Erfahrung der Fremdherrschaft und nationale Motive wie die Blutsbrüderschaft. Ein Nationalepos sondergleichen, eine astreine Heldengeschichte… voller Aufregung begab ich mich in dieses Buch.

Ich begann es irgendwann im September zu lesen und hatte arge Schwierigkeiten mit den verschiedenen Namen, Begriffen und den abgehackten, eigenartigen Dialogen, die an die verrauschten Kung-Fu-Filme meiner Kindheit erinnerten. Ich war sehr skeptisch ob ich dieses Buch zu Ende lesen würde. Doch an den milden thailändischen Stränden gab ich ihm nochmals eine Chance und nach kurzer Zeit war ich überraschenderweise mit Haut und Haaren eingetaucht in die Geschichte. Die Figuren erwachten zum Leben, die Handlung entwickelte sich und so konnte ich endlich Tuchfühlung aufnehmen zur Essenz der Wuxia-Literatur: Kung-Fu und Qi – der Realismo Mágico des Fernen Ostens – das alles eingebettet in eine nicht grundlegend falsche historische Rahmenhandlung und sich schlussendlich nie völlig ernstnehmend – ich war begeistert! Spannend bis zur letzten Seite obwohl die Masse an Namen schon ein wenig verwirrend ist.
Und dann war leider schon Ende Gelände. Denn viele der Bücher die mich noch interessiert hätten, u.a. die des einzigen chinesischen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan waren nicht als Ebook in meiner Bibliothek verfügbar. Zum Schluss wollte ich dann sogar noch ganz gewagt der taiwanesischen Literatur eine Chance geben und las mich in „Der Mann mit den Facettenaugen“ von Wu Ming-Yi ein, doch es funkte einfach nicht und ich brach ab. Eine enttäuschend magere Ausbeute an Literatur für dieses riesige Land, doch wartet ab, der Sachbuch-Express rollt hinterher.
Und dann wäre da natürlich noch „Die Reise nach Westen“ – einer der vier klassischen Romane der chinesischen Literatur. Dieses Buch werden wir in kleinen Häppchen auf unserer Reise nach Westen genießen. Ja, wir werden es sogar als so eine Art literarisches Tagebuch einlesen. Ein Anfang ist bereits getan.
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