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- Ratgeber: Eisenbahnfahren in China

Der dritte Winter dieser Reise war endlich so wie wir es uns immer erträumt hatten: Warm, lässig und sorgenlos. Die „Nie-wieder-Socken-Kampagne“ war endlich am langersehnten Ziel. Wir erreichten Thailand und waren vom ersten Lächeln an begeistert. Kurz hinter der Grenze ließen wir die Räder, nebst Sack und Pack stehen und entdeckten dieses riesige Land mit leichtem Gepäck. Daher handelt es sich bei diesen hundert Tagen auch um sehr untypische Reisetage. Wir waren viel mit Bus & Bahn unterwegs, zelteten so gut wie nie, hingen viel am Strand rum und gaben uns auch sonst recht exzessiv dem Müßiggang hin.
Gesamtstrecke: 32.885 km Gesamtzeit: 2.438 Stunden
Bevor wir jedoch unseren Urlaub im Urlaub in Thailand antreten konnten, sahen wir uns einer ausgewachsenen Pannenserie gegenüber. Erst brach mein Vorderradgepäcktrager und stellte uns damit vor eine neue, unbekannte Herausforderung. Was bitte tun mit zwei fetten Taschen für die man keine Halterung mehr hat. Mitten im laotischen Nirgendwo. Wir improvisierten dieses Problem dann doch weg indem ich ihre Gepäckträger bekam und sie ihre an einem Leichtmetallvorderradgepäckträger befestigte. Doch das eigentliche Drama sollte erst noch kommen. In Gestalt einer nicht enden wollenden Plattenserie. Für meine Verhältnisse unfassbar lange und zwar seit Südkorea war ich von dieser Geisel verschont geblieben. Doch als ich erstmals in Vietnam auf mein plattes Hinterrad blickte und trotz emsigster Suche keinen Grund für das veritable Loch im Schlauch finden konnte, schwante mir Übles. Und ich sollte leider Recht behalten.



Ganze 10 Platten in weniger als vier Wochen, davon ein Dreier als Ouvertüre – das trübselige Fanal dieser Misere war ein dreimaliges Platzen des Schlauchs bei feuchtwärmsten Bedingungen im Mekong-Delta. Fortan gehörte ein schlappes Hinterrad zu den täglichen Begleiterscheinungen unserer Reise. In den unmöglichsten und undankbarsten Situationen wurde man ausgebremst und durfte sich dem immer sinnloseren Unterfangen des Schlauchwechselns – oder Flickens widmen. Sinnlos, weil man keinen Schimmer hatte, warum es immer wieder geschah. Dementsprechend sank die Motivation es zu tun, da man sich Sisyphos gleich im Hamsterrad gefangen sah. Schließlich führte es zu unserer, wohl hilflosesten Situation auf der gesamten Reise: Kurz vor Pakse in Laos mussten wir erkennen, dass wir weder Ersatzschlauch noch Flicken hatten. Wir waren im allerübelsten Sinne immobil. Mit Sack und Pack angewiesen auf die Hilfsbereitschaft unserer Mitmenschen. Und diese ließ nicht lange auf sich warten und kam in Gestalt chinesischer Gastarbeiter, die uns kurzerhand und kostenlos auf ihren Pickup verluden.
Des Rätsels Lösung war im übrigen meine leicht angebrochene Felge (wahrscheinlich ein Resultat des Kransturzes von der Japan-Fähre). Diese leichten Risse führten offensichtlich dazu, dass der Schlauch in Mitleidenschaft gezogen wurde und in derart schnellen Abständen immer wieder anritzte und zum Platzen brachte. Ein Auswechseln der Felge in Thailand führte jedenfalls zur Behebung dieses Problems, endlich konnte ich wieder ohne dunkle Wolken und Ängste in die Pedalen treten. Bis weit nach China hinein kam ich mit Thai-Luft. Wollen wir mal hoffen, dass diese Phase etwas anhält.
Tagesbeschäftigungen

Ja, die Zahlen lügen nicht, das war definitiv ein gelassener Hunderter. Viel unterwegs und, ja etwas Fahrrad gefahren wurde auch. Wobei die sechs Tage durch den Hitzeschlund in Thailand (gefühlt 50°C) locker mal drei genommen werden können.
Übernachtungen

Noch überzeugender schlägt sich dieser Winter nur noch in der Übernachtungsbilanz wieder. Wer will (oder kann) bei diesen Temperaturen auch zelten?! Speziell wenn es kleine, feine Bungalows mit Ventilator und Hängematte für einen schmalen Taler im Angebot gibt.
Länderbilanz

Neu im Rennen ist fast die ganze südostasiatische Familie, so richtig auffallen werden sie in diesem Reigen am Schluss wahrscheinlich nicht. Mit Singapur verbuchten wir übrigens nicht nur den südlichsten Punkt unserer Reise sondern mit dem 40. Land den letzten Neuzugang, denn auf dem Rückweg kommen höchstwahrscheinlich keine neuen Länder hinzu. Zumindest wenn das herzallerliebste Aserbaidschan seine Tore für uns öffnet.
Es lässt sich nun mal nicht ändern, es bleibt bei Näherungsdaten. Daher also kreativ nachbearbeitet, aber schon ungefähr korrekt – kursiv – unbestechliche, exakte Tachodaten – fett.
🇩🇪 346km 🇨🇿 475km 🇸🇰 291km 🇭🇺 290km 🇸🇮 590km🇭🇷 481km 🇮🇹 4.476km 🇸🇲 20km 🇹🇳 1.194km 🇫🇷 4.744km 🇪🇸 2.232km 🇵🇹 490km 🇲🇦 1.413km 🇧🇦79km 🇷🇸 563km 🇧🇬 677km 🇬🇷 953km
🇹🇷 462km 🇬🇪 395km 🇦🇿 975km 🇰🇿 1056km 🇺🇿 1268km 🇹🇯 335km 🇰🇬 410km 🇨🇳 1.520km 🇲🇳 690km 🇰🇷 698km 🇯🇵 748km 🇻🇳 1530km 🇰🇭 557km 🇱🇦 238km 🇹🇭 851km
Die Zahl des Taghunderts
50
Natürlich muss es dieses Mal jene Zahl sein, die für ein halbes Jahrhundert von mir steht. Ich bin kein großer Fan von Geburtstagen. Dafür halte ich zu wenig von Numerologie und im Mittelpunkt zu stehen. Doch in Anbetracht des Umstands, dass wir, als wir im Juli 2022 aufbrachen, es für einen gelungenen Scherz hielten, zu verkünden, auf dieser Reise 50 werden zu wollen, muss es an dieser Stelle einfach nochmal gebührend gewürdigt werden. Wir sind jetzt also offiziell alte Säcke und Säckinnen.


Liegengeblieben
Bei all den Platten und daraufhin folgenden Prozeduren muss es dann doch einmal passiert sein: Mein getreues Tool blieb liegen (wahrscheinlich kurz vor der thailändischen Grenze). Schon recht betrüblich, denn dieser nützliche kleine Alleskönner begleitete mich schon seit unseren ersten Fahrradreisen. Und wenn ich auch ständig Messer verliere (mittlerweile das Vierte!) so konnte ich bis jetzt stolz behaupten, dass ich bei all den Reparaturen unter, teilweise widrigsten Bedingungen, mein Werkzeug stets zusammenhielt. Diese Ära ist nun also auch beendet. Ersatz fand sich glücklicherweise bald im gut bestückten Malaysia.
Und natürlich ließ ich wieder Thermoskannen liegen. Ja, KannEN. Zwei an der Zahl ließ ich in diesem Zeitraum stehen. Eine in Thailand, eine in China. Ich weiß auch nicht woran das liegt. Und die letzte war so schön. Mit einem Extra-Tee-Sieb. Hach…
KORREKTUR: Tatsächlich fand ich meine geliebte Thermoskanne von Xixing wieder. Es war tatsächlich schwerer das Fundbüro in diesem megalomanischen Bahnhofsgebäude zu finden als die Thermoskanne in diesem penibel organisierten Fundbüro. Dennoch muss die Frage gestattet sein warum die totale Überwachung hierzulande nicht auch ein bisschen Servicecharakter in Sachen Sachen wiederfinden anbieten könnte.


Natürlich entdeckte ich kurz danach, dass ich irgendwann in den letzten Tagen mein Tuch (ein Andenken an Kurdistan) liegenlassen hatte. Wahrscheinlich auch in einem Zug. Nur in welchem? Und da wären wir wieder beim Servicecharakter der Überwachung.
Aussichten, Ansichten und allgemeines Befinden
Wenn ich mir die eher durchwachsenen Analysen vom letzten Hunderter so zu Gemüte führe, muss eindeutig konstatiert werden: Für diesen Hunderter ist wieder ein klarer Positivtrend zu bemerken, da war viel Genuss und Freude, ja eben auch Entspannung. Vieles lag hier an Thailand. Man muss es so klar aussprechen, dieses Land sorgte nicht nur für Wohlbefinden und den lange erträumten Strandurlaub, nein, mit seiner fröhlichen und offenen Art brachte es die Sorglosigkeit in unsere Reise zurück. Wir schafften es mehrmals uns fallen zu lassen und unser Mojo zu wiederzufinden. Da war sie wieder die heitere Gelassenheit in den Tag zu leben und sich an dem zu freuen was man hat, nicht zu bedauern was man verlor oder einzuklagen was man vermeintlich benötigt. Dazu eine gehörige Portion Vertrauen in das Gute im Menschen, eine gute Tasse Tee, das Zwitschern der Vögel und ein weiterer Tag ohne körperliche Gebrechen – was will man mehr?!
Natürlich verließen wir innerhalb dieses Hunderters irgendwann die Gefilde des ewigen Sommers und machten uns auf die Suche nach dem Frühling. Ein ganzes Jahr bleibt uns für unsere „Reise nach Westen“ und wir sind willens sie nicht nur in vollen Zügen zu genießen. Auch wenn ein Tor ins Abendland nun leider für längerer Zeit versperrt sein wird, gibt es immer noch überraschend viele Varianten, wie man die Route plant. Fest stehen nur wenige Konstanten: China und Russland. Es sei denn Aserbaidschan ist noch einmal so nett und macht für uns eine winzigkleine Ausnahme. Ein allerallerletztes Mal. Versprochen.
Himmelrichtungsrekorde
Süd: 10°20’N — West: 10°10’W — Ost: 135°32’E — Nord: 52°30’N
Lange grübelte ich ob der neue Südrekord kurz vorm Äquator in Singapur hier offiziell aufnehmen sollte. Diese Frage stellte mich tatsächlich vor eine entscheidende Frage. Verstehe ich das Ganze hier als Radreise reinsten Wassers oder als Weltenbummelei bei dem das Fahrrad nur ein geeignetes Mittel zum Zweck ist. Eigentlich tendiere ich ja zu Letzteren und dennoch… irgendwie hätte es doch ein Geschmäckle. Daher veröffentliche ich diese Koordinaten gesondert und distanziert kursiv.
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