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Ein sehr gemischter, aufregender und anstrengender Hunderter liegt hinter uns. Wir durchkreuzten Ostasien weiterhin mit tolldreister Leichtigkeit, setzten mit der (vorerst) letzten Fähre von Osaka nach Shanghai über, was nach dem Freibrief für Aserbaidschan zweifellos als der größte Glücksfall der gesamten Reise gerechnet werden muss. Danach ging es erneut kreuz und quer durch China. Viel mit der Bahn, aber auch viel mit dem Rad. Und dann waren wir endlich in Vietnam. Und nach ausführlichem Winterdomizil in diesem Langen-Lulatsch-Land ging es zum Abschluss sogar noch bis nach Kambodscha. Ja, ganz zum Schluss sogar noch bis ins Land der Millionen Elefanten.
Die folgenden Daten müssen dieses Mal leider mit gewissen Vorbehalten präsentiert werden. Denn nach ungefähr vier Jahren war die Knopfzelle des Tachos endgültig alle und da die kleinen Sigmas keine Absicherung oder doppelten Boden vorgesehen haben, sind mit einem Batteriewechsel stets alle Daten bei Null. Sehr unpraktisch, aber nunja. Wenigstens kann man die Daten nachträglich editieren und das tat ich dann auch in dem ich ihn mit den Daten des Schwestertachos von nebenan fütterte. Das ergab folgende Näherungswerte, aber machen wir uns nichts vor, nach dreieinhalb Jahren und etlichen Tachoausfällen können hier bestenfalls sehr gerundete Zahlen erwartet werden.
Gesamtstrecke: 31.279 km Gesamtzeit: 2.335 Stunden
Das heißt 3.418km in 264 Stunden reiner Radfahrzeit. Das ergibt bei 50 Radtagen einen Tagesschnitt von 68,36km. Spektakuläre, unglaubliche Werte, die so noch nie da waren, bzw. war ich zu faul, zu überprüfen, ob wir schon mal besser waren. Andererseits, klar, vier Tausender in diesem Zeitraum… viele lange Tage auf dem Sattel. Dochdoch, das kommt schon hin.
Und noch eine exorbitant relevante Statistikkennziffer muss erwähnt werden: Der Gesamtkalorienzähler nullte sich nun schon zum vierten Mal (weil der Tacho nur 6 Stellen hat); wir nähern uns also unaufhaltsam der halben Million kcal! Aufregend.
Tagesbeschäftigungen
Auch wenn man nochmal detailliert die Aufteilung der Tage betrachtet, stellt man fest wieviel Rad gefahren wurde. Obwohl man mit Schiff und Zug halb Ostasien durchkreuzte, lag der Schwerpunkt schon eindeutig auf zwei Rädern.

Übernachtungen

Bei Übernachtungen zeigt sich für diesen Hunderter ein ganz klarer Spitzenreiter: Hotel, Pension, homestay – wie auch immer sie hießen – niedrige Preislage und knifflige Wildzeltgemengelage plus Duschbedürfnis (wg. Hitze und Dreck) führten zu diesem Resultat mit dem wir alles andere als glücklich waren. Unser Leben im Draussen schließt ganz unbedingt auch die Nächte mit ein. Wir lieben das wildzelten, das unkomplizierte Schlafen im Freien, das Exklusive des unabhängigen Seins jenseits des Lärms und der Zumutungen dessen wir geflohen sind. Leider waren wir zu großen Teilen diesbezüglich arg beschränkt, was möglicherweise auch zu den quälenden Zerreißproben dieses schwierigen Hunderters geführt hat.
Länderbilanz

Nach knapp zweieinhalb Jahren Reisen resetete die Liebste an der türkisch-georgischen Grenze kurzerhand ihren Tacho und beschloss ab sofort die jeweilige Kilometerleistung pro Land zu messen. Damit fiel sie nicht nur unvermittelt in meine ureigenen Jagdgründe, jene verschnarchte Statistikwelt, welche bislang einzig meine erbsenzählende Natur befriedigte, nein, sie stellte mich damit auch vor ein knifflige bis unlösbare Aufgabe. Denn natürlich wollte ich jetzt auch die Kilometerstände der zuvor bereisten Länder wissen. Speziell nach der enormen Leistung in China und einem neuen Spitzenreiter stellte sich die Frage nach dem wahren Gewinner mit noch größerer Brisanz. Allein, diese Zahlen waren nicht so leicht zu ermitteln. Die Route, welche auf dem Blog prangt, ist nicht getrackt (anders als bei Projekt Radria I) sondern nur grob nachgezeichnet. Somit stand ich nun vor der Herausforderung die exakten Tachozahlen mit der schlingerigen, wackeligen Route in Einklang zu bringen. Ich habe dank Tagebuchaufzeichnungen (eine weitere, nicht zu vernachlässigende Quelle) alles relativ relativieren können, so richtig korrekt wird es halt doch nie werden. Es sei denn wir versuchen ab der Türkei exakt die selbe Route zurückzufahren.
Besonders ärgerlich natürlich aus einem speziellen Grund: Der verhältnismäßig geringe Abstand zwischen unserem Aufenthaltssieger Italien (174 Tage) und seinem engsten Verfolger Frankreich (137 Tage) – nur schlappe 268km trennen die beiden und dabei ist die große Überraschung: Wir sind angeblich mehr in Frankreich gefahren! Mehr Zeit für weniger Leistung? Klingt schon ein wenig nach Italien. Und ja, wir haben dort Weihnachten und Silvester verbracht, haben hier auch mehrere Male gearbeitet und auf Häuser und Hunde aufgepasst, aber dennoch… irgendwie komisch.
Es lässt sich nun mal nicht ändern, es bleibt bei Näherungsdaten. Daher also kreativ nachbearbeitet, aber schon ungefähr korrekt – kursiv – unbestechliche, exakte Tachodaten – fett.
🇩🇪 346km 🇨🇿 475km 🇸🇰 291km 🇭🇺 290km 🇸🇮 590km🇭🇷 481km 🇮🇹 4.476km 🇸🇲 20km 🇹🇳 1.194km 🇫🇷 4.744km 🇪🇸 2.232km 🇵🇹 490km 🇲🇦 1.413km 🇧🇦79km 🇷🇸 563km 🇧🇬 677km 🇬🇷 953km
🇹🇷 462km 🇬🇪 395km 🇦🇿 975km 🇰🇿 1056km 🇺🇿 1268km 🇹🇯 335km 🇰🇬 410km 🇨🇳 1.520km 🇲🇳 690km 🇰🇷 698km 🇯🇵 748km 🇻🇳 1530km 🇰🇭 557km 🇱🇦 28km
Die Zahl des Taghunderts
18°05′

Himmelsrichtungsrekorde
Süd: 10°20’N — West: 10°10’W — Ost: 135°32’E — Nord: 52°30’N
Aktuelle, brandneue Rekorde
Ich deutete das beim letzten Rapport ja schon an, in Sachen Ostrekord könnte noch was kommen. Und tatsächlich bewegten wir uns noch ein wenig weiter dem Sonnenaufgang entgegen. Erneut war der eigentliche Rekord dann aber ein ganz besonderer Ort und zwar Osaka-Burg (135°31’32.816″E)

Hinsichtlich der maximalen Südlichkeit war das voraussichtliche Limit dann im Knie kurz vor dem Mekong-Delta erreicht. In Long Hái an einer seelenlosen Landstraße mit Blick auf den endlosen Ozean war es dann soweit – 10°22.7740’N – die einstelligen Breitengrade verpassten wir somit knapp. Denn die konventionellen Reisepläne behaupten, das es ab jetzt nur noch nördlich und westlich gehen würde. Ja, somit war dies möglicherweise einer der bedeutenderen Wendepunkte dieser Reise. Einerseits wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr südlicher, andererseits, und das halte ich für den irrealsten Fakt, könnte dies der Punkt sein ab dem die Rückreise beginnt. So absurd das auch klingen mag: Die folgende abenteuerliche Überfahrt ins Mekong-Delta und die Route nach Kambodscha könnten die ersten Schritte auf dem Weg zurück nach Berlin sein.

Liegengeblieben
Nichts was irgendwie hängengeblieben wäre. Und das ist doch mal schön.
Sonstige Wegmarken
Kurz hinter der vietnamesischen Grenze in Ha Long konsultierten wir einen Fahrradmechaniker, der von der Community vielfach gelobt wurde. Grund war meine Nabe, die schon seit geraumer Zeit etwas unwillig vor sich hin stotterte und nur mit viel Geduld und Vorsicht zu bedienen war. Er nahm sich mutig der Aufgabe an und forderte drei Tage für diese Mission. Wir schlugen ein und fuhren für diese Zeit weg um Silvester zu feiern. Als wir wieder kamen, saß er mit tiefen Sorgenfalten über dem offenen Getriebe. Wir gönnten uns notgedrungen noch einen Tag und schipperten durch das Karstgewitter der Ha-Long-Bucht. Als wir abends wiederkamen, sah es so aus als ob sich nichts verändert hätte. Außer, dass er die Nabe des zweiten Fahrrads geöffnet hatte. Wir hatten jetzt also zwei unbenutzbare Fahrräder. Dieses Mal waren wir es, die mit tiefen Sorgenfalten von dannen zogen.




Am nächsten Tag standen wir schon vormittags bei ihm auf der Matte und versuchten mit den Konstruktionsplänen der Nabe zu helfen. Er wischte diese Blätter beiseite und werkelte unbeeindruckt weiter. Wir blieben den gesamten Tag an seiner Seite und wurden immer kleinmütiger. Was sollten wir nur machen wenn wir unsere Räder nicht wieder flott bekämen? Noch einen Tag mussten wir bangen dann kam endlich die befreiende SMS und wenig später saßen wir auf Fahrrädern, die sich unfassbar komisch anfühlten. Keinerlei Klappern, Quietschen oder Schnarren – einfach nur radeln – was für ein Drama! Was für ein Mechanikergott!
Nebenbei gab es hier auch Pedalen für uns beide. Die meinigen waren noch original und begleiteten mich somit fast 50.000km. Damit reduziert sich die Originalbesetzung meines Fahrrads auf Rahmen und Lenker. Doch diese Pedalen begleiteten mich auch nicht sonderlich lange. Schon wenige Tage später zerbrach die gelbe Plastik unter meinem rechten Fuß und musste erneut ausgetauscht werden. Welch‘ ein Kontrast – mit den einen Pedalen radel ich einmal um den Äquator während das andere Paar schon nach einpaar Hundertern aufgeben…
Aussichten, Ansichten und allgemeines Befinden
Es war ein streckenweise erschreckend quälender Reiseabschnitt. Einiges an Krisen, Selbstzweifeln und Kümmernisse rieben uns in dieser Zeit auf und sind bei weitem noch nicht ganz verschwunden. Woran lag’s es oder liegt’s? Ja, nun, im oberflächlichsten Sinne an unser Umwelt. Nach den überraschend erholsamen, befreienden Wochen in Japan ging es erneut (zum dritten Mal) hinüber ins laute, sonderbare China (auswertende Betrachtungen folgen…) und diese Umstellung gelang uns nur bedingt. Waren das krawallkapitalistische und vulgär wohlständige Shanghai noch kompensierbar, die folgenden Zugreisen nach Chengdu und Guilin sogar spannend und erlebnisreich, blieb uns auf den letzten Tagen Südchina durchradelnd oftmals die Spucke weg. Die gut 700km bis zur vietnamesischen Grenze gehörten zu den traurigsten und bittersten Strecken, die wir auf dieser Reise erleben durften: Erbarmungslose Ausbeutung von Mensch und Natur, lückenlos, ohne Verschnaufpause, dazu verbrannte Erde, Luft, Müll, Elend – ein Jammerbild und schreiender Kontrast zu den Glitzerwelten der großen Städte. Wir fuhren riesige Etappen, allein weil es keine Gründe, keine Möglichkeiten für Pausen gab, aber auch weil wir dieser Hölle entkommen wollten.
Und dann kam Vietnam. Für mich Erleichterung, Normalität und Rückkehr zur Neugier. Für die andere Hälfte blieb der Druck leider weiter bestehen. Tatsächlich war Nordvietnam aus vielerlei Gründen keine Offenbarung: heftiger Verkehr, dicht besiedelt, viel Industrie, Müll und grässliche Luft – es gab einiges zu beanstanden, keine Frage. Aber auch vieles zu feiern: Der Kaffee, die Freiheit (nach dem Kontrollwahn in China wähnte man sich hier im Paradies), die Offenheit der Menschen, die Unkompliziertheit von so vielen Dingen und natürlich die Temperaturen, die Tropen, die Exotik und so viele neue, unbekannte Dinge.
Woran es nun lag, dass der eine sich entspannte und wohlfühlte, während die andere sich weiterhin quälte und litt – es hatte verschiedene Gründe (der Verkehr war zweifellos Hauptangeklagter) doch es blieb ein Problem und zwar ein gewaltiges. Wir grübelten und stritten, verzweifelten und marterten. Waren wie vielleicht doch zu lange unterwegs oder lag es nur an Südostasien? Zuviele Ansprüche, zuviel Meckerigkeit? Zu überempfindlich, verwöhnt und verspannt – hatten wir gar unser Mojo verloren?
Tatsächlich blieben all diese Fragen weiterhin unbeantwortet doch die Stimmung löste sich (vorerst) mit dem Überqueren der kambodschanischen Grenze. Hier gab es entspannteren Verkehr, geringere Bevölkerungsdichte und eine Gesamtsituation die unsere Art des Reisens deutlich besser unterstützte. Wir kamen wieder in die Spur. Dennoch sitzen uns viele der offenen Fragen und der dunklen Gespräche Vietnams im Nacken und werden sich mit Sicherheit bald wieder bemerkbar machen.
Bleibt die Frage: Ist der Wurm drin oder draußen, bzw. sind wir vielleicht der Wurm?
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