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- Die fantastischsten Vier
- China – immer ein bisschen zu viel
- Reisen nach Zahlen – Tag 1500




Ja, es war endlich wieder Saison. Radfahrsaison. Auf dieser Reise genaugenommen die vierte Hochzeit des rollenden Rads. Nach all den erklecklichen und genüsslichen Tagen, Wochen und Monaten in denen wir uns eher sporadisch, episodenweise mit dem Rad bewegten, war es nun wieder soweit – es wurde geradelt, geradelt und nochmals geradelt. Angesichts der gewählten Route, die uns nochmals durch die Mongolei und nach kurzem Zögern sogar mit einem lässigen Schlenker, durch Russland brachte, wurde hier auch viel gecheatet, sprich: getrampt oder Zug gefahren. Ein wilder Mix aus Lieferwagenholperdiepoltermassaker und kultivierter Bahnfahrten, aber eben auch viel Radfahren. Nicht anders sind die vier Tausender zu erklären, die wir in diesen 100 Tagen einreichten.
Und dann gab es da noch eine Neuigkeit oder Besonderheit in diesem Abschnitt unserer Reise: Wir waren plötzlich nicht mehr allein. Für einige Wochen waren wir glückliche Mitglieder eines Radrudels. Plus 1, plus 3, ja sogar plus 5! Ein wunderbares Gefühl und komplett andere Reiseform und das ausgerechnet in der von Menschen besonders ausgedünnten Mongolei. Es entstanden dabei wundervolle Begegnungen, Gespräche und eine Art von natürlicher Brüderlichkeit, wie ich sie so selten in meinem Leben erfahren habe. Das jahrelange Leben auf der Straße, reisend, herumtreibend scheint offenbar die unterschiedlichsten Charaktere zu einem Menschentyp zu formen, mit dem ich ohne viel TamTam und Gedöns instantan zurechtkomme.
Daneben muss auch noch kurz der Wetterbericht bemüht werden und darauf hingewiesen werden, dass uns nach dem glühend heißen Winter in Südostasien das Universum mit einem, streckenweise doch empfindlich kühlen Sommer bescherte. Speziell der Ausflug zum Baikal, aber auch die sehnsüchtig entgegengeschmachteten grünen Berge der Nordmongolei überraschten uns mit frischen Temperaturen, eisigen Winden und häufigen Schauern.
Gesamtstrecke: 36.2??km Gesamtzeit: 2.??? Stunden
Da wir gerade am wundervollen Yssyk-Köl, fern von unseren in Bischkek wartenden Rädern (und Tachos!), ein paar entspannte Tage am Strand machen, komme ich nicht an die Daten ran. Das wird natürlich umgehend nachgeliefert.
Tagesbeschäftigungen

Tscha nun, zu diesen Balken muss wenig gesagt werden, sie verströmen quasi Dynamik und Aktivität. Natürlich noch jeder dritte Tag genussreich dem Schlendrian gewidmet, aber sonst immer unterwegs nach Westen.
Übernachtungen

Auch das ungebundene Schlafen im Freien kehrte wieder zurück in unser Leben. Sogar in China! Die dennoch hohe Anzahl von Unterkunftsnächten erklärt sich durch China (kostengünstig!), dem anfänglich kalten Sommer und unsere Leidenschaft für Jurten. Sechs Nächte verbrachten wir in dieser wohl reizendsten Übernachtungsform für den müden Randnomaden.
An Tag 1500 kann man sich natürlich auch einen Blick auf die Gesamtbilanz gönnen, allein aus dem angestrebten Ziel, tausend Nächte im Freien verbracht zu haben. Ob mit oder ohne Zelt, Hauptsache draußen. Summasummarum 623 Nächte sind das mittlerweile. Das wird dann wohl nichts mit diesem Tausender.
Länderbilanz

Auch wenn die fünf Besuche mit insgesamt 102 Tagen in China mächtig klingen und waren, sie genügen nicht mal annähernd für einen sicheren Platz auf unserem Aufenthaltssiegertreppchen. Dort oben an der Spitze, das ist nun langsam absehbar, hat nur noch ein Land die große Chance auf den Erdrutschsieg – Georgien! Ganz so unwahrscheinlich ist das nicht, planen wir doch für Weinernte, Freunde wiedersehen und ganz allgemein – Durchatmen in Europa – hier einige Tage zu verbringen.
- 1. Italien – 174 Tage
- 2. Frankreich – 137 Tage
- 3. Georgien – 134 Tage
Außerdem gibt es natürlich noch die Frage im Teilklassement – wer wird sich in Zentralasien als Spitzenreiter durchsetzen? Die Ostasienrunde ist abgeschlossen: China, das war relativ klar. Doch der direkte Verfolger, die Mongolei mit 61 Tagen ist sicher eine kleine Überraschung.
Es lässt sich nun mal nicht ändern, es bleibt bei Näherungsdaten. Daher also kreativ nachbearbeitet, aber schon ungefähr korrekt – kursiv – unbestechliche, exakte Tachodaten – fett.
🇩🇪 346km 🇨🇿 475km 🇸🇰 291km 🇭🇺 290km 🇸🇮 590km🇭🇷 481km 🇮🇹 4.476km 🇸🇲 20km 🇹🇳 1.194km 🇫🇷 4.744km 🇪🇸 2.232km 🇵🇹 490km 🇲🇦 1.413km 🇧🇦79km 🇷🇸 563km 🇧🇬 677km 🇬🇷 953km
🇹🇷 462km 🇬🇪 395km 🇦🇿 975km 🇰🇿 1476km 🇺🇿 1268km 🇹🇯 335km 🇰🇬 435km 🇨🇳 2.399km 🇲🇳 2.148km 🇰🇷 698km 🇯🇵 748km 🇻🇳 1530km 🇰🇭 557km 🇱🇦 498km 🇹🇭 851km 🇷🇺 531km
Analog zur Aufenthaltsdauer gibt es auch hier keinen asiatischen Durchbruch. In China und der Mongolei fuhren wir zusammengenommen nicht so viel wie in Frankreich. Dennoch kam einiges zusammen und außer den zwei Platzhirschen Frankreich und Italien kann kein Land China schlagen. Sicherlich eine Aussage, die man in dieser Form aktuell auch nicht mehr oft hört.
Die Zahl des Taghunderts
5
Erneut eine Zahl aus der kunterbunten Welt der Jahrestage. Dieses Mal der fünfte Geburtstag auf Reisen, ein Reise-Ich wäre also so langsam bereit für die Vorschule. Wir feierten diesen besonderen Tag mit Tausenden chinesichen Partygästen am Kanas-See im äußersten Zipfel Chinas. Es war ein ganz besonderer und unvergesslicher Tag und auf jeden Fall ein stilvoller und angemessener Abschied von China.





Liegengeblieben
Dieses Mal waren Themenwochen in der Verlustanzeigenwelt angesagt. Das Thema hieß Kopfbedeckungen. Zuerst erwischte es mich. Beim Aussortieren von Klamotten ließ ich nach harten Ringen mit mir meinen treuen Kapuzenpulli in einem Hotelzimmer liegen, vergaß dabei jedoch, dass ich in eben jenen meine wunderschöne, warme Kirgisenkappe gewickelt hatte. Ein wirklich schmerzlicher Verlust insbesondere angesichts der eisigen sibirischen und mongolischen Winde, die uns bevorstanden. Hier wäre diese Mütze ein unglaublich willkommener Schutz- und Kuschelbonus gewesen. Bleibt nun nur die Hoffnung, erneut eine solche Kappe zu ergattern. Ich schreibe dies schreibe ich momentan voller Hoffnung aus Kirgistan.


Doch auch Aga Lopp verlor ihren Hut und zwar ihren vietnamesischen Kegelhut. Lange hatte er sie begleitet und hatte selbst bei den wirrsten und kompliziertesten Transportgelegenheiten stets eine Möglichkeit gefunden, alles heil zu überstehen. Gut, bei den letzten, ruppigen Transporten in der Mongolei hatte er ein paar Federn lassen müssen, doch er war immer noch ein tadelloser Sonnenschutz und bei Gegenwind eine einzigartige, windschnittige Raketenspitze am Lenkrad. Doch irgendwo in den vergilbten Steppenrändern Chinas muss es geschehen sein, er riss sich los, kullerte in die Landschaft und ward die wieder gesehen.
Lasst es euch gut gehen, ihr beiden. Vielleicht findet ihr ja einen neuen Kopf. Denn der Schmerz etwas verloren zu haben, ist stets geringer wenn man vermutet, dass das Verlorene für irgendjemanden ein Grund zur Freude ist, sprich: Wenn es demnach nicht verloren gegangen, sondern nur weitergewandert ist. Doch leider, leider bezweifle ich dies angesichts der stets doppelt verpackten Neukaufkultur in China. Aber wer weiß…
Radstatus

Der Zustand unserer Räder ist in der Tat ein leidiges Thema, welches ich gerne aussparen würde. Tatsächlich stecken beiden Rädern die vier Jahr sicht-und hörbar in den Rahmen. Einige größere Reparaturen und Erneuerungen wären fällig. Nicht allein die Fahrräder, auch die Packtaschen und andere Teile des Zubehörs. Allein, der Endstufen-Kapitalismus und sein begleitendes Kompositum, die wachsende Unfähigkeit zu Reparatur und Improvisation machen uns da einen Strich durch die Rechnung. Wir müssen einfach hoffen und uns mit altersschwachen, knirschenden und quietschenden Komponenten arangieren und schlichtweg hoffen. Die Chance auf hochwertige Ersatzteile oder einen wirklich begnadeten Mechaniker sind schwach bis nicht vorhanden und irgendwie haben wir eben auch keine Lust mehr unser kostbares letztes Reisejahr mit ergebnisloser Ersatzteilsuche und Enttäuschungen mit Mechanikerscharlatanen zu verschwenden.
So genießen wir Glücksmomente wie das unverhoffte Finden der richtigen Reifen in Almaty und das gemeinsame Basteln mit anderen Radnomaden an unseren Rädern. Es ist erstaunlich wie sich im Laufe der Jahre die Erwartungshaltung und der Sorgenhorizont abgeschliffen hat. Irgendwie geht es schon immer und die mitteleuropäische Herangehensweise, dass man in einem Fahrradladen definitiv die gewünschten Komponenten bekäme, hat sich in gelassen kichernden Fatalismus gewandelt. Geht schon irgendwie. Mit Tape, Kabelbinder und Draht.
Aussichten, Ansichten und allgemeines Befinden
Vorbei die Zeit der Mäkelei, Animositäten und sonstiger Kriseleien. Sobald wir wieder regelmäßig im Sattel saßen, uns der Wind das Hirn freiblies und wir ganz allgemein das tun konnten was wir am liebsten tun, waren all die sonderbaren Gedanken der letzten Monate verschwunden. Vielleicht auch weil das Ende dieser langen Freiheit nun unweigerlich näher rückte, genossen wir das, was uns so lange gegönnt war und rasch zu einer Selbstverständlichkeit geworden war, mit intensiverer Wahrnehmung als noch vor einem oder zwei Jahren.
Womit wir natürlich beim Thema wären: Die Aussichten auf Resozialisierung, das Andocken an die sogenannte Wirklichkeit, etliche „Wie“, einige „Wo“ und gar nicht so wenige „Warum“ – all das war in den letzten Monaten häufiger als zuvor Thema. Und ich müsste lügen wenn ich behaupten würde, dass mir dieser Themenkomplex sonderlich behagen würde. Letztlich ist diesbezüglich noch vieles unklar, doch die Kunst besteht nun darin, wie wir uns vielfach beteuerten, uns davon nicht unter Druck zu setzen zu lassen und zu übersehen, dass es sich dennoch noch um ein ganzes Jahr handelt, welches uns zur freien Verfügung steht. Wenn man nur in ständiger Sorge und Angst um die unsicheren Perspektiven der Rückkehr verharren würde, wäre man schließlich auch nicht viel anders als die verzagten Sesselpuper, die aufgrund halluzinierter Bedrohungen und Gefahren den Fuß nicht vor die Tür setzten.
Daher atmen wir nun tief durch und setzen an zum Endspurt. Nach langen Überlegungen haben wir uns erneut für die Seidenstraße entschieden. Mit einigen Neuentdeckungen wie dem Fergana-Tal und möglicherweise einer zweiten Chance für Tadschikistan, welches wir ja nach erstmaligen Kennenlernen zwiespältig abspeicherten, wird es in Riesenetappen gen Europa gehen, was wir in diesem Jahr wahrscheinlich sogar erreichen werden. Zumindest nach meiner brandneuen, durch diese Reise erschaffenen Definition, die den Kaukasus, ja sogar die Türkei als Europa begreift.
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