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Ungefähr ein Jahr hielten wir uns im buddhistischen Gestaltungsspielraum unseres Planeten auf und auch nachdem wir wieder sicher im christlich-islamischen Sphären gelandet sind, nehmen wir vieles aus dieser Zeit mit. Unter anderem befinde ich mich auch noch immer tief in „Der Reise nach Westen“. Nicht nur rein praktisch, sondern auch hochkulturell, weltliterarisch. chinesisch 西遊記 / 西游记), geschrieben im 16. Jh. zur Zeit der Ming-Dynastie von Wu Cheng’en und zählt zu den vier klassischen Romanen der chinesischen Literatur. Und ja, vielleicht ist eines meiner Lebensziele tatsächlich diese vier eines fernen Tages gelesen zu haben. Aktuell stecke ich jedoch in jener Reise und muss gestehen, dass ich dabei enorm viel Spaß habe. Tatsächlich lernt und erfährt man hier einiges über die Kultur und Symbolik des fernen Ostens. Eine Sache über die ich hier z. B. stolperte waren die drei tierischen Lebensmittel (San Yan 三厌), die ernstmeinenden Buddhisten nicht angeraten sind.
Das Wort Yan (厌) bedeutet hier wörtlich „Widerwillen“ oder „Dinge, die man meiden soll“. Es beschreibt drei Kategorien von Fleisch bzw. tierischer Nahrung, die man aus Respekt vor dem Leben und dem Kosmos nicht essen sollte:
- Fleisch von Landtieren (Himmel/Erde): Meist repräsentiert durch das Rind (oder den Hirsch/Vogel). Das Rind steht für extreme Treue und harte Arbeit auf dem Feld; es zu töten und zu essen gilt als ehrlos.
- Fleisch aus dem Wasser: Repräsentiert durch den Aal (oder Schlangen/Fische). Diese Tiere gelten symbolisch als besonders leidend bei der Schlachtung und spirituell „unrein“
- Fleisch von Wildtieren/Geflügel: Meist repräsentiert durch den Hund (oder die Gans). Der Hund steht für absolute Loyalität zum Menschen, die Gans für eheliche Treue
Inwieweit der Hund hier als ein guter Repräsentant für Wildtiere und Geflügel gelten kann, sei einmal dahingestellt. Es steht also fest, Fleisch essen ist nicht gern gesehen. Das muss ich mir dann immer wieder vor Augen halten wenn ich an die endlosen Fleischbänke, Grillexzesse und sonstwie feilgebotenen Kreaturen Ostasien zurückerinnere. Schön wenn Religionen mindestens beim Thema Essen so resolut überhört werden. Aber das war ja noch lange nicht alles. Wir hätten da ja noch die „fünf unreinen/scharfen Lebensmittel“ (Wu Hun 五荤 oder Wu Xin 五辛) Das chinesische Wort Hun (荤) bedeutet heute zwar oft allgemein „Fleisch“, meinte ursprünglich aber scharfe, intensiv riechende Pflanzengewächse. Buddhistischen Mönchen und Laien ist der Verzehr von fünf bestimmten Lauch- und Zwiebelgewächsen untersagt:
- Knoblauch (Suan 蒜)
- Zwiebeln (Cong 葱)
- Lauch (Jiu 韭)
- Schalotten / Bärlauch (Xie 薤)
- Koriander oder Asafoetida/Asant (Xingqu 兴渠)
Und hier wird es nun wirklich lächerlich! Das wäre ja wie als würde man der chinesischen Küche die Grundlage entziehen, komplett absurd. Aber gut, was genau hat Buddha denn gegen diese köstlichen Zutaten, dass er das Risiko seiner Verbreitung im Kampf gegen diese Küchenkräuter eingeht? Das Surangama-Sutra erklärt das Verbot psychologisch und energetisch:
- Roh gegessen schüren sie die Wut und Reizbarkeit im Menschen
- Gekocht gegessen wirken sie als Aphrodisiakum und regungsvoll auf die sexuelle Begierde
- Zudem zieht ihr starker Mundgeruch Dämonen an und vertreibt die Schutzgottheiten
Ja, nee, klar. Somit füge ich der hier ab und an aktiv betriebenen Aufklärung und Warnung vor den verdummenden und lebensfeindlichen Auswirkungen von Religionen noch ein Detail hinzu. Wollen sie noch allen Ernstes den Menschen Lauch und Zwiebeln verbieten, diese Spinner! Unfassbar.

Bleiben wir beim Buddhismus und wenden wir uns seiner, bisweilen sehr liebreizenden Symbolik zu. Dieses Mal in Gestalt eines Senge (mongol. Сэнгэ, tibetisch: Sengge) Ein mythologisches Schutzwesen des Buddhismus und der zentralasiatischen Kultur, das für Mut, Weisheit und Stärke steht. Dem Mythos nach lebt der Schneelöwe hoch oben in den schneebedeckten Bergen und Gletschern. Er betritt nie den normalen Erdboden; seine Pfoten schweben sozusagen darüber. Dies soll seine seine Reinheit und Freiheit von weltlichen Lasten zeigen. Er gilt oft als Wächter und Beschützer Buddhas. In Tempeln und auf Thangkas sieht man oft zwei Schneelöwen, die den Thron wichtiger Gottheiten bewachen. Er gilt sogar als einer der „Vier Würden“ und wer wäre ich wenn ich der Abschweifung eines plötzlich auftauchenden Quartetts widerstehen könnte?!
- Drache: Steht für den Westen und symbolisiert sanftmütige Macht, vollkommene Kommunikation und wohlwollenden Einfluss
- Tiger: Steht für den Süden und symbolisiert Zuversicht, Vertrauen und persönliche Kraft
- Garuda: Steht für den Norden (oder Süden je nach Tradition) und symbolisiert Weisheit und transzendente Erkenntnis
- Schneelöwe: Steht für den Osten, das Element Erde und symbolisiert Furchtlosigkeit, unerschütterliches Vertrauen und freudvollen Glückszustand
Natürlich begegnete ich auf unzähligen besichtigten Klostern und Tempeln jedem von ihnen, daher hier eine kleine Visualisierung der Würdenträger.




Doch das wäre natürlich noch längst nicht alles aus der zauberhaften Welt der Buddha-Quartetts.
Mit einer gehörigen Portion Sammlerstolz präsentiere ich mein Quartett aus der durchgeknallten Welt der Buddha-Rekorde:
- Fukuoka: die weltweit größte bronzene Statue eines liegenden Buddhas (47m)
- Lezhan: größte und höchste aus dem Stein gemeißelte sitzende Buddha-Statue der Welt
- Ulaanbaatar: Höchste überdachte stehender Buddha (26,5m vertikal)
- Zhangye: Größter überdachter liegender Buddha aus Ton und Holz (35m horizontal)




Als Bonus hätte ich sogar noch den Yungang-Buddha in petto – das weltweit bekannteste und am besten erhaltene Meisterwerk der frühen chinesischen Steinmetzkunst im Freien. Ist halt nur schlecht rekordetechnisch zu verwerten.

Verlassen wir in sachten Schritten die entzückende Welt des Aberglaubens und nähern uns einem Phänomen, welches nur ganz am Rande etwas mit Religion zu tun hat, der Mongolischen Schrift. Kein Geringerer als ein gewisser Dschingis Khan ordnete im Jahre 1208 an, dass die Mongolen ein Alphabet bekommen sollten. Hiermit wurde der, bei einem Feldzug gegen die Naimanen gefangen genommene uigurische Schreiber Tatar-Tonga beauftragt. Blut schwitzend machte dieser sich daran und bohrte das Uigurische Alphabet ein wenig auf um es an die nuen Anforderungen anzupassen. Das uigurische Alphabet seinerseits basierte auf dem sogdische Alphabet, welches wiederum von der aramäischen Schrift abstammte. Die größte wie auch verwirrendste Besonderheit ist die Schreibrichtung, sie verläuft vertikal von oben nach unten und spaltenweise von links nach rechts. Und das ist wirklich sehr merkwürdig, da alle anderen vertikalen Schriften von rechts nach links gehen. Auch die Uiguren hatten ihre Schrift (rechts nach links, Zeilen von oben nach unten) um 90° im Gegenuhrzeigersinn gedreht, um sie der vertikalen chinesischen Schreibweise ähnlicher zu machen. Warum dies im mongolischen Falle nicht gemacht wurde, entzieht sich leider unserer Kenntnis, macht die mongolische Schrift aber zu etwas ganz Besonderen.
Da versteht es sich irgendwie von selbst, dass man zumindest in der Kategorie Seemonster etwas in petto haben sollte was es mindestens mit Nessie aufnehmen kann. Und wenn es da eine Legende von einem gigantisches Unterwassermonster, welches das geheime Mausoleum Dschingis Khans bewachen soll. Die Beweise für seine Existenz sind tatsächlich erdrückend. Und warum auch nicht?! Millionen von Touristen, die zu dieser AAAAA-Sehenswürdigkeit gekarrt werden, fahren dort ja nicht einfach so hin. Daher empört und überrascht es mich zutiefst, ja, lässt mich auf den letzten Metern an China zweifeln – wo blieb das Merch zum Monster, die unablässig plärrenden Warnhinweise und Selfistationen mit künstlichen Hintergrund?!

Besonders ist auch, dass aufgrund des sowjetischen Einflusses in der (äußeren) Mongolei kyrillische Buchstaben vorherrschen, während in der Inneren Mongolei, also dem mongolischen Siedlungsgebieten in China, die eben beschriebenen, traditionellen Buchstaben dominieren.
Den Baikal hatte ich in einer meiner schönsten Erinnerungstruhen als eines der beeindruckendsten Naturspektakel, welches ich jemals gesehen habe, abgelegt. Daher war mir natürlich bewusst, dass es sich bei ihm nicht nur um den tiefsten See der Welt (1642m), sondern auch um das größte Reservoir an ungebrochenen Süßwassers unseres Planeten handelte (20%). Dabei ist dieses Wasser nicht nur unglaublich weich und rein (Sichtweiten von bis zu 40m) so dass man es fast überall bedenkenlos trinken kann. Was übrigens auch daran liegt, dass winzige endemische Krebstiere (Epischura-Krebse) kontinuierlich das Wasser filtern und es auf diese Weise sauber halten. All das wusste und bewunderte ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert, doch erst bei meinem zweiten Besuch, einem Besuch mit dem ich im Übrigen nie gerechnet hätte und der mich tief ergriff, erfuhr ich, dass es sich beim Baikal auch um den ältesten See der Welt handele. Tatsächlich sind alle Seen der Umgebung erstaunlich alt, doch der Baikal schlägt mit geschätzten 50 Millionen Jahren die gesamte Konkurrenz.Nur zum Vergleich: Der auf dieser Reise ebenfalls besuchte Ohridsee gilt als ältester See Europas. Mit gerade mal 1,36 Millionen Jahren.

Kleiner Gedankenausflug: Als wir damals, vor mehr als einem Jahrhundert zum ersten Mal am Baikal waren, faszinierte uns das Gedankenspiel, dass wenn man die Breite und das Unterwasserprofil des Sees einmal außer Acht lassen würde, der Mond, so er in den See fallen würde, zur Hälfte in ihm verschwinden würde.
Zurück in die Mongolei, doch wir bleiben auf einem See und zwar dem Chöwsgöl Nuur. Der als kleiner Bruder geltende See ist natürlich auch sehr alt, rein und wunderwunderschön. Bekannt ist er aber, wenn überhaupt durch die Legende, welche sich um ein einsamens Schiff rankt, welches lange Zeit nicht als Bestandteil sondern als einziger Bestand der kleinsten Marine der Welt galt.

Bevor man sich an dieser Stelle ein gönnerhaftes Lächeln abringt, sollte man wissen, dass die mongolische Marine zu Zeiten Kublai Khans zu den größten Seestreitkräften der Welt gehörte. Leider sank jedoch der größte Teil dieser mächtigen Flotte während Invasionen vor Japan. Danach war in der Tat lange Stille. Erst in den 1930er Jahren traute man sich unter sowjetischer Herrschaft und Beratung wieder an Bord. Dazu wurden in Folge die Suchbaatar (gesunken), die Suchbaatar II (gesunken) und zuletzt die Suchbaatar III in Dienst gestellt. Die Schiffe stammten aus sowjetischen Beständen und wurden über Land hierher transportiert. Die Flotte der mongolischen Marine bestand etwas über 60 Jahre stets aus einem einzigen Schiff, welches in in Khatgal am Chöwsgöl Nuur stationiert wurde. Die Marine hatte zuletzt sieben Angehörige von denen die Legende ebenfalls zu erzählen weiß, dass kein einziger von ihnen schwimmen konnte). Damit war sie zu jener Zeit definitiv die kleinste Marine der Welt. 1997 wurde die Suchbaatar III an private Investoren verkauft, um sie im Tourismus zu betreiben. Seitdem hat die Mongolei keine Marine mehr.
Als wir uns wieder in den Hochebenen der Mongolei aufhielten, trafen wir natürlich auch auf diese zotteligen, leicht verwirrt dreinschauenden Wesen – Yaks. Eine Frage, die schnell aufkam: Kann man diese Tiere eigentlich auch mit normalen Kühen Kreuzen. Natürlich kann man und das sogar schon seit längerem und mit großen Erfolg. Die Ergebnisse dieser Kreuzungen werden Chainag genannt, zumindest auf mongolisch. In Tibet, wo man wohl erstmals auf diese Idee kam, heißt dieses Wesen Dzo. Nomaden und Bergvölker bemerkten früh, dass die erste Generation dieser Kreuzung (die F1-Generation, lokal Chainak, Hainag oder Dzo genannt) von einem biologischen Phänomen profitiert, das man heute Heterosis-Effekt nennt. Die Nachkommen übertreffen beide Elternteile in bestimmten Eigenschaften: Sie sind größer und kräftiger als Yaks und geben deutlich mehr Milch. Diese Züchtung erlaubt es den Menschen eine Brücke zwischen den extremen Höhenlagen (Heimat des Yaks) und den tieferen Tälern (Heimat des Hausrinds) zu schlagen. Chainaks vertragen die Kälte besser als Kühe, passen sich aber niedrigeren Höhenstufen flexibler an als Yaks. Die Qualität der Milch leidet jedoch darunter. Yak-Milch kann in fast jeder Hinsicht als die beste Milch bezeichnet werden. Obwohl Chainaks deutlich mehr Milch geben, ist die Qualität in allen Punkten geringer. Da diese Milch aber nur etwas schlechter als die beste Milch der Welt ist, kann man immer noch von extrem guter Milch sprechen.
Als wir in China durch halbwegs zugängliche Gegenden radelten fuhren wir nur wenige Kilometer am „Pol der Unzugänglichkeit“ vorbei, der Ort auf der Erdoberfläche, der am weitesten von einem Weltmeer entfernt ist. Nicht dass er wirklich unzugänglich gewesen wäre, aber für Radfahrer stellte er schon einen gewaltigen Umweg und eher geringes Sehenswürdigkeitspotential dar



Nichtsdestotrotz schaute ich kurz mal nach wie sie das mit der Unzugänglichkeit eigentlich meinten und fiel dabei mal wieder in ein Fass ohne Boden. Denn natürlich gibt es entschieden mehr als einen oder zwei Pole. Hier eine kleine, nicht vollständige Liste der Unzugänglichkeitspole:
- Tristan da Cunha (die unzugänglichste bewohnte Insel der Welt)
- 84° 3′ N, 174° 51′ W (Nordpol der Unzugänglichkeit)
- 85° 50′ S, 65° 47′ O (Südpol der Unzugänglichkeit) auf 3718m.ü.d.M. gelegen und mot einer Jahresdurchschnittstemperatur von -58,2°C ausgestattet, gehört dieser Ort wohl zu den unattraktivsten Orten, die ich mir so vorstellen kann
- Der Pazifische Pol der Unzugänglichkeit (Point Nemo) befindet sich bei den Koordinaten 48° 52′ 31,75″ S, 123° 23′ 33,07″ W und ist die Stelle auf der Erdoberfläche, die am weitesten von Festländern und Inseln entfernt ist.
- Natürlich gibt es auch hinsichtlich meines Unzugänglichkeitspols Unsicherheiten und Diskussionen ob er überhaupt dort wäre, wo wir an ihn vorbeigefahren sind. Ein wesentlicher Diskussionspunkt ist hierbei der Golf des Ob (Mündung des Flusses Ob in Sibirien), sprich wo die nächste Meeresküste beginnt, und ja, wenn dann wäre an diesem Ort das nächste Meer tatsächlich das Eismeer. Hätte ich auch nicht erwartet.
Natürlich muss ich erwähnen , dasd ich zuvor mit Unzugänglichkeitspolen ganz andere Dinge verbunden hätte. All die Orte auf unserer langen Reise, die perfekt ausgestattet für eine Nacht oder mehr aussahen und die dennoch durch Mauern, Zäune, Sicherheitskräfte und, was noch viel schwerer lastet die Macht der Gesetze geschützt waren, obwohl niemand hier heute und in den nächsten Wochen und Monaten das nutzen würde, was einstmals für alle gedacht war.
Sozialkritik Ende, gehen wir kurz zum Abschluss zurück nach China. Und zwar in einen der hintersten, abgeschiedensten Winkel des Imperiums, in den „Garden of Gods & Fairytale Land“, ja genau, der Kanas-See, dieses mehrfach zum schönsten See Chinas gewählten Gewässer. Das Thema See und China kam hier vielleicht noch nicht vor, kleiner Tipp: Alles, wirklich alles in China ist „ein kleines bisschen zu viel“, nur beim Thema Seen wirkt das Imperium etwas zurückgeblieben.

Wenn man in dieser Disziplin also offensichtlich ein wenig hinter den üblichen Großmachtphantasien zurückbleibt, dann darf hinsichtlich Unterwassermonstern nicht gekleckert werden. Unterhalb der türkisen Wasserkante soll es ein Ehrfurcht gebietendes Wesen geben, welches das geheime Mausoleum Dschingis Khans bewacht. Drunter geht’s natürlich nicht und die Beweise für seine Existenz sind tatsächlich erdrückend.
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