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- Die fantastischsten Vier
- China – immer ein bisschen zu viel
Und plötzlich war es soweit – China – ein, an protziger Hilflosigkeit und nach Aufmerksamkeit gierender Leere kaum zu überbietendes Empfangshallenterminal, die wenig überraschende Erkenntnis, dass unsere Offline-Karten hier nicht ganz so vertrauenswürdig sind und eine gerissene Fahrradkette – so sahen sie aus die ersten Momente im Reich der Mitte, dem großen Endkampfgegner des freiheitlich gesinnten Radnomaden.

Diesen ersten, eher suboptimalen Erlebnissen sollten noch reichlich merkwürdige, unangenehme und komplett unverständliche Eindrücke folgen. China hat uns von Anfang an verwirrt, abgestoßen, fasziniert und amüsiert. Und zwar in einem Ausmaß wie das noch keinem Land zuvor gelungen ist. Dementsprechend schwer fällt hier ein Rapport, welcher mehr sein könnte als die übliche kulturschockierte Anekdotensammlung oder hintergrundbefreite Lobhdudelei. Aber egal wo dieser Text hinführt, dieser Bericht muss verfasst werden, denn ich muss da einiges loswerden. China, wir müssen reden!
Am Anfang waren wir Kaninchen. Puschelige, harmlose, leicht dämlich dreinschauende Kaninchen, welche zaghaft zur Schlange aufblickten. Um dieses sonderbare Bild der Situation anzupassen, verwandeln wir die Schlange besser in einen Drachen. Die pure, unverminderte Wucht eines Kultur-Sprach-Wirklichkeitsschocks, der selbst anpassungs- und wandlungsfähigste Reisende wie uns hyperventilieren ließ. Schon ein ganz normaler Spaziergang forderte zu Beginn den Sinnen und Verarbeitungsrezeptoren alles ab. Ich bin zwar ein leidenschaftlicher Verfechter der bemannten Raumfahrt, aber wenn man auf solche Spielereien wie Schwerelosigkeit und Kälteschlaf verzichten kann, sollte ein Besuch in der chinesischen Provinz ohne Internet völlig ausreichen. Viel bizarrer kann die Entdeckung eines neuen Planeten auch nicht sein.







Hier meine ersten Eindrücke, hastig zusammengetextet, bevor alles verflachen würde und die Sinne sich anpassten. (Ich hatte ja keine Ahnung, dass dies im Falle von China nicht wirklich passieren würde). Tatsächlich waren wir frappiert von dem was uns da in den ersten Tagen entgegenschlug. Das sollte es also sein, die frisch aus dem Ei gepellte neue Weltmacht, der vielfach geschmähte wie bewunderte Hochtechnologieüberwachungskontrollwahnstaat. Als wir in den ersten Tagen auf den zugemüllten Straßen von Khorgos immer mal wieder in Straßen hineinliefen, die abrupt und planlos endeten, dabei die zugedröhnten Gestalten allerorten betrachteten und vorsichtig den rücksichtslosen und allen Regeln zuwiderlaufenden Straßenverkehr beäugten, da waren wir uns auf einmal nicht mehr so sicher ob nur irgendwas dran sein könnte an der Legende vom überlegenen und achso musterhaft organisierten China. In den folgenden Wochen sahen wir in den verschiedensten Regionen dieses riesigen Landes noch so manches, was uns zweifeln, schockieren oder begeistern sollte. Nur wenig davon hatte etwas mit dem Chinabild gemein, welches ich zuvor dem allgemeinen (deutschen) Medienstrom entnommen hatte. Es war wohl wieder mal alles nicht so einfach.
Dies hier, soviel sei einleitend noch angefügt, wird keine Gebrauchsanleitung für China, davon gibt es im Internet genug. Welche Apps ihr braucht, welche Straßen ihr nicht fahren solltet und welcher VPN der Beste ist, erfahrt ihr auf verschiedenen anderen Kanälen. Dafür habe ich hier nicht auch noch Platz, denn dieses hier wird auch so schon ein monumentales Epos. Eine Art subjektiver Erfahrungsbericht mit (hoffentlich) selbsttherapierender, galoppierender Tiefenschärfe. Ich möchte und ich muss reden, beschreiben und verstehen. Und eines ist schon jetzt klar, dahingehend macht es einem China nicht gerade leicht. Und dennoch: Über kein Land habe ich mehr nachgedacht, habe ich mich mehr aufgeregt und ich bin mir sicher, so richtig loslassen wird es mich nach dieser Zeit hier nie wieder.
Folgende Routenvorschlag: Wir werden uns diesem widerborstigen, schwer zu erklärenden Land zunächst chronologisch-anekdotisch, unseren Reisen folgend, annähern, es sodann belesen umzingeln, um daraufhin, schlussendlich im Idealfall einen aussagekräftigen und -willigen Delinquenten vor uns zu haben, welcher uns dann nonchalant auch noch die komplexesten Sachverhalte vermitteln wird. Oder aber, es läuft wie immer.
Kommen wir zunächst zur anekdotisch evidenten Ebene unseres kleinen, aber feinen Chinaquintetts:
- Erstkontakt (August 2025; 14 Tage): Von Khorgos über Yining das Kax-Tal hinauf zum Duku-Pass (eine der schönsten Radstrecken der gesamten Reise!); hinunter nach Kuytun und dann mit reichlich Bus-Unterstützung über Ürümqi in die Mongolei
- Zweiter Hüpfer (September 2025; 9 Tage): In Erenhot an der mongolischen geben wir erstmals unsere Räder und Gepäck beim Logistikunternehmen (CRE) der Chinesischen Bahn ab und verschicken es an den Pazifik nach Dalian. Befreit von Kram und Zeug entdecken wir mit Leichtgepäck was uns unterwegs sehenswert erscheint: Datong, das Ende der Großen Mauer im Meer; Drachenkopf und schließlich Dalian)
- Die 3. Visite: (Dezember 2025; 23 Tage) Wir kommen von Japan nach Shanghai, geben hier erneut all unser Zeug bei CRE ab und verschicken es nach Guilin. Die Versandzeit nutzen wir um bei den Pandas in Chengdu und bei Buddha (sitzend) in Leshan vorbeizuschauen. Danach lange Expressfahrt durch Guanxhi nach Vietnam.
- Die ausführliche Wallfahrt (Mai/ Juni 2026; 43 Tage): Wir reisen von Laos in Yunnan ein, radeln bis Jinghong und verschicken die Räder ein letztes Mal von Kunming bis Xi’an.Und jetzt wird besichtigt bis es kracht:Lijiang, Schneejadeberg & Tigersprungschlucht, Shangri-La & Chongqing, das andere Ende der Mauer und die Regenbogenberge von Zhangye. Salzsee und Qinghai bei Xining und natürlich Xi’an inklusive Terracotta-Armee
- Der Abschluss (August 2026, 9 Tage) der Kreis schließt sich. Als erfahrene Chinahasen wollen wir es nun wissen und fahren erneut durch die Problemprovinz Xingyang. Genau die Provinz mit der wir zu Beginn solch erhebliche Probleme hatten.
Wir besuchten China fünfmal in verschiedenen Regionen und lernten dabei etliche, teils grundlegend unterschiedliche Chinas kennen. Viele der negativsten Momente gehen auf den Erstkontakt in Xingjiang zurück. Wir trafen hier einerseits auf die massivste Dosis der chinesischen Teufelsmischung aus „Rauchen, Rotzen & Radau“ wie wir sie danach kaum mehr erlebten (oder hatten wir uns einfach an sie gewöhnt?). Sie wurde auch flankiert von einem roh, ruppig und desinteressierten Menschenschlag, starken Alkoholkonsum und einer tristen Trutzbauarchitektur. Zudem begegneten wir hier auch dem angekündigten und gefürchteten Kontrollwahn der Volksrepublik. Bei all unseren weiteren Besuchen sollten wir nie wieder in Berührung mit den staatlichen Autoritäten kommen, ja auf unserer zweiten Reise müsste ich nachdenken ob ich nur einen Menschen in Uniform gesehen hätte, es gab sogar Einchecken in Hotels ohne Sichtung unserer Pässe (!!!), aber in Xingjiang bekamen wir diesbezüglich die volle Ladung.





Nach den ersten Schocks des Kennenlernens wagten wir zaghaft die ersten Schritte auf dem fremden Planeten und waren anfangs nicht ausschließlich abgestoßen, ganz im Gegenteil! Die Straßen waren unfassbar breit, von guter Qualität, kaum befahren und hatten zusätzlich meistens einen breiten Seitenstreifen der eigens für Zweiradverkehr reserviert war. So ließen sich überraschenderweise sogar die üblichen Angstgegner, Großstädte, denkbar entspannt durchkreuzen. Zudem lernten wir hier erstmals die Segnungen verstärkter Elektromobilität kennen – wie herrlich, ja manchmal fast gespenstisch leise konnte selbst massivster Straßenverkehr sein. Und das war nur der Straßenverkehr. Auch der Rest der Draussen-Infrastruktur machte einen gepflegten, ja verschwenderischen Eindruck. Gewaltige Toilettenpaläste, stattliche Parkanlagen, Mülltrennung und eine peinlich gehegte Ordnung des öffentlichen Raums. Und die Menschen hier nahmen diesen Raum auch intensivst in Gebrauch. Überall sah man hier Leute in Gruppen diversen Beschäftigungen nachgehen, ob nun rhythmisch wippend, Karten spielend oder einfach nur schnackend. Schnell begriffen wir, dass jede größere Stadt einen Platz in diesen ausladenden Parkanalagen für durchreisende Touristen reserviert hatte. Hier konnte man kostenlos zwischen Motorradfahrern und Caravans sein Zelt aufschlagen und unkompliziert übernachten. Hier waren wir zum ersten Mal so richtig positiv überrascht. Doch bei diesem Eindruck sollte es leider nicht bleiben.




Als wir von Yining aus unseren Weg ins Kax-Tal suchten, durchquerten wir erstmals dichter besiedelte Gebiete. In einer Stadt wurden wir von Polizisten angehalten, ausgefragt, gefilmt und zurück zum Revier geleitet. Hier wurde nochmals alles geprüft, fotografiert und abgefragt. Schließlich ließ man uns mit viel Gelächel und besten Wünschen gehen. Erst dachten wir noch, naja, so schlimm war das ja nun nicht, bis uns auffiel, dass uns schon eine geraume Zeit ein Auto folgte. Nach höchsten konspirativen Beschattungstechniken wechselte dieses Auto nebst seinem Fahrer im Laufe des Tages ein paar Mal, doch es stand fest, sie hatten ein Auge auf uns. Auch das überhaupt kein Problem, doch zum Abend hin stellte sich dann die Frage, werden sie sich mit unseren üblichen Wildzeltambitionen anfreunden können? Wir fuhren zu einem Museum mit stattlichen Rasen, am Rande eines Dorfes, keine Menschenseele. Außer unseren Schatten. Wir stellten die Räder ab, gingen auf sie zu und übersetzten ihnen, dass es ein langer Tag war, wir hier keine andere Unterkunft fänden und zur Not hier zelten würden. Die Antwort kam prompt und war unmissverständlich: „Machen Sie sich keine Sorgen. Machen Sie das, was sie immer machen. Fahren Sie weiter!“ Super, ratlos und erschöpft ergriffen wir die Initiative und fragten proaktiv einen Mann vor seinem Haus ob wir für eine Nacht in seinem Vorgarten zelten könnten. Er bejahte dies nicht nur sondern lud uns zum Essen mit seiner Familie ein. Diesen dreisten Schachzug konnte die Staatsmacht natürlich nicht hinnehmen und saß prompt neben uns. Mit feisten Grinsen, welches unsere Gastgeber auffällig wegguckend goutierten, wurde uns kundgetan, dass dieser Platz hier nicht groß und sicher genug für uns sei. Man habe einen perfekten, und alle Bedingungen tadellos erfüllenden Platz am Stadtrand für uns vorgesehen. Murrend, aber uns fügend trollten wir uns und radelten den Polizeiautos in den Sonnenuntergang hinterher. Es wurde immer dunkler und war schließlich stockduster und wir fragten uns knurrend, welche Form von Sicherheit diese Büttel meinten, wenn sie uns auf eine unbeleuchtete Straße mitten im Nirgendwo geleiteten. Irgendwann hielten sie noch einmal an und fragten allen Ernstes ob sie mal mit unseren Fahrrädern fahren könnten. Zähneknirschend verneinten wir und radelten weiter wie vorgegeben auf der pechschwarzen Landstraße, unserer Sicherheit wegen. Tja, und irgendwann waren sie dann einfach weg. Wir erreichten einen Polizeiposten (wahrscheinlich war hier irgendeine Reviergrenze) und erklärten dort unsere Situation. Irgendwie schien der zuständige Wachhabende etwas peinlich berührt ob unserer Behandlung, zeigte uns ein Plätzchen zum zelten und ward nie wieder gesehen.
Das war er also, der Erstkontakt mit dem vielgescholtenen und übel beleumundeten Überwachungsstaat, bestehend aus den üblichen etlichen rückgrat- wie ahnungslosen Rädchen in einem System, in dem jeder Angst hatte einen Fehler zu machen oder Verantwortung zu übernehmen. Auf unserer, zu diesem Zeitpunkt über dreijährigen Radreise in mehr als 30 Ländern war dies das erste Erlebnis dieser Art. Wir schluckten es hinunter und versuchten zur Tagesordnung überzugehen. Was hatten wir denn anderes erwartet?! Für eine gewisse Zeit geschah dann nichts dergleichen. Wir radelten gemütlich auf leeren Nebenstraßen und versuchten uns ein Bild von unserem neuen Gastgeberland zu machen, bis wir auf eine Hauptroute einbogen und fast im gleichen Augenblick wieder von der Polizei kontaktiert wurden. Sie wären zu unserer Sicherheit (natürlich!) hier und würden uns eskortieren, damit uns nichts geschehe. Mein zärtlicher Hinweis, dass ich seit Jahren ganz gut mit meinem Rad auf der Landstraße zurechtkäme und er mein Sohn sein könne, was das also solle, wurde freundlich weggelächelt. Wir konnten wenigstens aushandeln, dass er nicht ununterbrochen in Schritttempo hinter uns hereierte, sondern in gewissen Abständen auf uns am Straßenrand wartete. Gerade als wir ihn fragen wollten, wann nach dieser Tankstelle, denn auf unserer Karte sahen die nächsten 50km sehr unbesiedelt aus, war er wie vom Erdboden verschwunden. Sehr sonderbar. Waren sie etwa gar nicht wegen unserer Sicherheit da, wäre nicht ein unbesiedeltes Gebiet mit wenig Wasser und Versorgung eine Region wo man sich um unsere Sicherheit sorgen machen müsste? Welche Sicherheit meinten sie also? Vor wem oder wen meinten sie uns zu beschützen. Ein schaler Beigeschmack machte sich breit und den irritierend guten ersten Eindruck zunichte.
Und auch wenn sich der Kontrollwahn mit der Zeit etwas minderte – die Grundstimmung von Überwachung und Gängelung blieb von nun an stets im Hintergrund. Da half es auch nicht wirklich, dass das gesamte Land abgezäunt und von unzähligen Kameras beäugt wurde. Es waren teils bedrückende Fahrradtouren auf ausladenden mehrspurigen Straßen, durch Geisterstädte, entlang von Geisterfabriken oder was auch immer da hinter mächtigen Zäunen sich auch abspielte. Keine Gegend wo man so leichterhand ein Plätzchen für sein Zelt fand und dennoch fanden wir unseren Weg in die Mongolei und dort änderte sich schlagartig alles. Die gleiche Gegend wie hinter der Grenze war auf einmal so wie wir es lieben und brauchen: Steppe, Wolken, Himmel – Freiheit. Aber dazu in einem anderen Kapitel.







Soweit die Erlebnisse auf der Strecke. Was blieb sonst noch hängen an Eindrücken der ersten zwei Wochen? Da wäre auf jeden Fall die unheilige Dreifaltigkeit von „Rauchen, Rotzen & Radau“. Genauso taufte ich die leidigen Geschwister Fürchterlich, die einen in China stets und überall begleiten und an die man sich auch nach längerem Aufenthalt nie wirklich gewöhnen wird. Man könnte China auch schamlos weiter paraphrasieren und salbadern, dass halt alles im Reich der Mitte Schall und Rauch wäre, aber solch ein Dampfplauderer-Blog sind wir hier nicht. Nur manchmal. Zurück zu den widerlichen drei R: Überall wird geraucht, geschrien, gespuckt, gepafft, geplärrt und der Rachen geputzt. Wie gesagt – überall, jederzeit und von jedem. Schwierig. Irritierend. Unangenehm. Aber schauen wir uns die drei Übeltäter doch kurz genauer an. Womit fangen wir an? Vielleicht mit dem harmlosesten Gesellen, dem Rauchen. Wenn man in Mitteleuropa groß geworden und zuvor noch längere Zeit durch Zentralasien gereist ist (hier ist das öffentliche Rauchen sehr verpönt und quasi unsichtbar) dann mag das omnipräsente, selbstverständliche Rauchen der Chinesen vielleicht auch allein aufgrund der Ungewohntheit brüskieren. Vielleicht hätte ich das vor 20 Jahren noch anders wahrgenommen, aber gegenwärtig muss ich mir sehr auf die Zunge (oder andere Organe) beißen um nicht in würdelose Meckerlaune zu verfallen, wenn mir jemand auf engstem öffentlichen Raum seine Abgase ins Gesicht bläst. Außerdem habe ich die Vermutung, dass es hierzulande auch sehr billige, ergo ekelhaftere Tabakmischungen gibt, die den Ekel noch ein wenig mehr Schwung verleihen könnten.
Die drei fürchterlichen „R“ – Rauchen, Rotzen und Radau
Kommen wir zum Rotzen. Bereits in Zentralasien fiel uns auf, dass hauptsächlich die Männer sich eines regelmäßigen Speiens in der Öffentlichkeit befleißigten. Uns war Grund wie Ursache hierfür recht schleierhaft, wiewohl auch bei dieser Angewohnheit ich mich zu erinnern glaubte, dass dieses Treiben, selbstverständlich auch nur unter Männern, vorwiegend die halbstarke Ausgabe, in der Vergangenheit auch in meiner Herkunftsregion mehr oder weniger üblich war. Schon damals fragte ich mich angesichts des pathologischen Absonderns von Speichel ob des Wieso und Warum. In Zentralasien ermittelten wir die Ursache relativ bald im flächendeckenden Kauen von Naswar (stark abhängig machende Kautabakmischung aus Tabakblättern, Asche, Löschkalk und Aromastoffen). Im Falle Chinas gibt es einerseits keinen Kautabak als Erklärung, andererseits handelt es sich hier auch um weit mehr als das schlichte Ausspucken. Es handelt sich vielmehr um ein infernalisches Röhren, ein ungehemmtes Hochziehen jeglicher Schleimreste durch den Rachen, dass man sich erstmal unwillkürlich fragt ob das nicht wehtun muss. Natürlich wird das Resultat dieses weithin hörbaren Rachenputzprozesses umstandslos in die Gegend gespien, so dass hier also für alle Sinne was dabei ist. Gelegentlich sieht man Schilder, die den zu erziehenden Untertan, daran gemahnen, diese üble Angewohnheit zu unterlassen und ich habe gelesen, dass es früher wohl noch schlimmer diesbezüglich gewesen sein muss. Dennoch haben sich hierdurch etliche Bilder in mein Chinabild gebrannt: Die Situation wenn man an wartenden Autos vorbeifährt und versehentlich von den dort ausspuckenden Autofahrern getroffen wird; das romantisch miteinander palavernde und verschlungene Paar, welches sich beidseitig kurz abwendet und laut vernehmbar in gegenseitige Richtungen rotzt, um hiernach, wie als wäre nix gewesen, weiterturtelt; das Aufwachen auf einem chinesischen Campingplatz und das halbstündige, ununterbrochene Schleim hochziehen und Ausrotzen im Einklang mit dem lieblichen Gezwitscher der Vögel und dem sanften Säuseln des Windes…
Rè Nao – die Liebe zum Trubel
Und zum Schluss – das Beste – der Radau! Kaum etwas hat mich an China mehr gestört als seine Lautstärke. Wobei hier eine entscheidende Erläuterung vonnöten ist: Es geht eigentlich nicht um die Lautstärke. Natürlich ist auch diese unangenehm, aber ich habe einige laute Länder durchreist und mich so halbwegs damit arrangiert. Es geht hier zuvorderst um etwas, was ich analog zur allseits bekannten Lichtverschmutzung Geräuschverschmutzung nennen möchte. Die Geräuschmelange der modernen Zivilisation setzt sich aus den verschiedensten Faktoren zusammen. Es gibt natürliche, temporäre, prozessgebundene oder unvermeidliche Geräusche. Worin China aber hervorsticht, ist die verachtenswerteste Form von Geräuschen: Nutzloser und vermeidbarer Lärm. Das heißt, jedes kleinste Geschäft, jeder Obsthändler oder Zahnarzt, viele Rolltreppen, Schulen oder sonstige öffentliche Plätze sind ausgestattet mit kleinen Megafonen deren Akku offenbar nie leer wird. Diese plärren dann von früh bis spät in Dauerschleife die immer wieder gleichen Informationen.
Ob es um saftige Wassermelonen und deren unschlagbare Preise geht; dass man sich auf der Rolltreppe festhalten soll oder Informationen zum Park im Fremdenverkehrsbüro um die Ecke, zweite Parallelstraße im 6.Stock des orangenen Gebäudes einzuholen seien – es ist die Pest, eine alles verleidende, absurde und vor allem so unnötige Seuche! Wir hörten Schulbusse einen Kilometer gegen den Wind, in denen kleine, unschuldige Kinder mit (noch) zarten Trommelfellen saßen und ununterbrochen mit hysterisch kreischender Unterhaltungsmusik beschallt wurden, die in Schulen gefahren wurden, deren Klingelgeräusche einem durch Mark und Bein gingen (wenn man ein, zwei Kilometer entfernt von ihnen war). Menschen, die auf diese Weise von Kindheitstagen dauerbeschallt werden, müssen infolgedessen in ihrem weiteren Leben höchstwahrscheinlich schwerhörig, in jedem Falle aber gehörig abgestumpft gegenüber jeglichen akustischen Reizen sein. Warum tuen sie sich diese unnötige Dauerbeschallung an, welche jedes Einkaufen zum Spießrutenlauf macht und jede Sicherheitswarnung unbemerkt verpuffen lässt? Ich habe hier nur eine schwächliche, aber gar nicht so blöde Erklärung: In der chinesischen Kultur und im allgemeinen Verständnis steht Stille für Einsamkeit und Tod, Lärm und Krach aber für Vitalität, Lebensfreude und Wachstum. Stichwort: Re Nao – die Liebe zum Trubel. Ich werde im verstehen wollenden Teil unten noch einmal darauf zurückkommen.



Nach all dem Üblen nun endlich auch wieder etwas Positives. Abgesehen davon, dass alles sehr anders ist und man selbst als weitgereister Radnomade anfangs enorme Schwierigkeiten hat, sich zurechtzufinden, ist der Großteil der Menschen wohlgesonnen und flexibel. Alles scheint möglich und machbar. Allerdings fast immer nur nach einer unglaublich langen und unverständlichen Verständigungsphase. Das liegt bei weitem nicht allein an der Sprachbarriere, obwohl diese natürlich durchaus mitwirkend ist. Doch jenseits sprachlicher Verständnisschwierigkeiten und möglicher sinnentstellender Stilblüten der Online-Übersetzer führte es allzu oft dazu, dass selbst die einfachsten und offensichtlichsten Fragen und Bedürfnisse in merkwürdigen Irritationen und Blockaden mündeten. Im Nachhinein klärte sich das sehr oft auf und führt zumindest bei uns zu größter Heiterkeit, doch so richtig verstehe ich manches Missverständnis bis heute nicht. Zum Teil mag dieses Phänomen damit zusammenhängen, dass sich China nicht nur durch die gesprochene Sprache gewaltig von den meisten, durch die Globalisierung abgeschliffenen Kulturkreisen abkoppelt. Es gibt hier zum Teil komplett andere Deutungen von Mimik und Gestik sowie andere Bedürfnisse und Handlungsstrategien. Das könnte man jetzt soweit auch für Regionen in Nordafrika oder dem Kaukasus annehmen. Der Unterschied im chinesischen Falle ist vielleicht seine weitgehende Isolation vom Reste des Planeten. Aus den verschiedensten historischen und politischen Gründen hat China stets das Interesse und den Kontakt zu allem Nichtchinesischen klein gehalten und so mögen verschiedene, sogar für uns unbemerkbare kulturelle Codes für Chinesen wenig Sinn ergeben, bzw. manche Wünsche nicht vorhersehbar weil unbekannt oder nicht der Situation angemessen. Denn, was der Reisende im Austausch mit fremden Kulturen schnell begreift: Die gesprochene Sprache ist tatsächlich nur eines von etlichen Kommunikationswerkzeugen. Körpersprache, Essen, Musik und Tanz sowie die unerschöpfliche Kraft der Empathie können ebenso Erstaunliches leisten. Doch all das kann urplötzlich nicht mehr viel taugen wenn man sich an Menschen wendet, die eben nicht mal erahnen können, was man eventuell von ihnen will wenn man sie in ihrem Imbiss zwischen all den dampfenden Töpfen besucht, das internationale Zeichen für „Essen“ macht, sehr überzeugend Magenknurren simuliert und sich demonstrativ, die Stäbchen wetzend an einen Tisch setzt. Und dann in ein ratloses, fragendes Antlitz des Gegenübers starren muss.







Doch zusammenfassend muss erwähnt werden, dass ich erst sehr spät begriff, dass es sich hier nie um reine Bösartigkeit oder schlichte Blödheit handelte, sondern eigentlich immer nur um ein auf Anhieb schwer zu entschlüsselndes Missverständnis. Diese Erkenntnis schenkte mir die Ruhe abzuwarten, zu machen was die Chinesen für richtig hielten und mit etwas Glück sehr viel später zu begreifen, was hier eigentlich das Problem war. Man braucht sehr viel Geduld, Demut und freimütiges Sich-Hintanstellen um in China zurechtzukommen. Im übrigen ein Mix, der auch außerhalb Chinas überaus hilfreich in vielen Lebenssituationen sein kann. Doch wir wollen keinesfalls den Impetus dieses Absatzes aus den Augen verlieren: Die Flexibilität und Hilfsbereitschaft der Chinesen war in den meisten Fällen außergewöhnlich und es gab selten Fälle in denen wir unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten. Nur anfangs waren wir sauer oder wütend ob unserer Behandlung, meist galt es aber nur das Unverständnis zu überwinden, dann standen alle Tore offen. Und die dann oftmals freigesetzte Begeisterung uns helfen zu können, stand wiederum in krassen Gegensatz zu dem, an anderer Stelle erwähnten, teilnahmslosen Fischaugen, in die man zu Beginn jederVerhandlung blicken durfte.
Geduld, Demut und freimütiges Sich-Hintanstellen
Soviel zu den Erlebnissen der ersten zwei Wochen. Sie waren alles andere als ein Plädoyer für dieses Land. Zwar hatten wir nicht ausschließlich negative Erlebnisse gehabt und vieles auch sehr schätzen gelernt (zum unübertrefflichen Bonuspunkt: Beste Küche der Welt später) und dennoch waren wir größtenteils erleichtert und atmeten tief durch als wir die Mongolei erreichten. Doch schon nach einem knappen Monat Steppe, Wolken und Freiheit waren wir wieder da und kamen einfach nochmal rein.
Und diese zweite Visite stand im krassen Gegensatz zum ersten Besuch. Ich erinnere mich nicht an einen Polizisten, demzufolge gab es auch in den gesamten 9 Tagen nicht eine der nervenden Passkontrollen nebst ewiggleichen Verhörs über Woher, Wohin und Warum. Ganz im Gegenteil! Wir erlebten sogar einmal das anarchische Spektakel, dass wir in einem Hotel eincheckten ohne unseren Pass zeigen zu müssen. Wir fuhren viel mit der Bahn, besichtigten Datong und das Ende der Großen Mauer und alles lief, flutschte ohne größere Schwierigkeiten oder Nervigkeiten. An vieles hatten wir uns mittlerweile gewöhnt oder mussten es nicht mehr neu erlernen (digitales Bezahlen; Sicherheitschecks bei Bahn und Metro; der ganze unverzichtbare Wust an notwendigen aber unbekannten und oftmals schwer zu bedienenden Apps sowie natürlich VPN) und so verlief dieser Besuch fast wie ein ganz normales touristisches Schaulaufen in einem Land wie jedem anderen. Wir fuhren nach nur neun Tagen fast ein wenig zu hastig und ja, mit einem leichten Bedauern hinüber nach Korea. Doch es ließ sich nicht anderes deichseln. Aufgrund der Golden Week im Oktober wäre die nächsten zehn Tage kein Schiff mehr hinüber gefahren und das wäre dann doch ein wenig zu viel Bonuszeit gewesen. Aber dennoch, der wache Beobachter registriert es mit leisen Bedacht: Der Abschied fiel also schon schwerer als das letzte Mal. Soso…





Als wir dann nach einer mehr als zweimonatigen Pause zum dritten Mal nach China kamen, und zwar aus dem stillen, geordneten, kultivierten Japan, hatten wir enorme Schwierigkeiten uns wieder an den größten aller Brüder zu gewöhnen. Wir bemühten uns, nicht ungerecht zu sein und nicht nur die zahllosen negativen Seiten zu sehen. Doch wir mussten uns zwingen auch das Positive zu sehen. Und das spricht an sich schon Bände: Wir mussten uns zwingen…
Perfektionierung und Pervertierung des Kapitalismus
Es war einfach alles zu viel! Zu laut, zu eng, zu übergriffig. Überall wurde gefeilscht, gefressen, gezetert und dabei apathisch aufs Handy geglotzt – meistens natürlich alles gleichzeitig. Alles war viel zu groß, überdimensioniert, geschmacklos, glitzerbunt und leer. Viel Fassade, wenig dahinter. Die Hybris, die tönernen Säulen auf dem all dieser Wahnsinn stand, schien uns deutlicher und klarer entgegenzugrinsen als noch bei den letzten Malen. Es war diese Megalomanie, die Neureiche oft kennzeichnet und die uns nun ins Auge sprang. Prestige und Status schienen hier oftmals die alleinigen Architekten. Man fragte sich oft für wen all diese Prachtbauten bestimmt sind, denn der Leerstand war häufig offensichtlich. Und so öffnete sich der dritte Blick auf dieses Land. Unterwegs zwischen dem turbokapitalistischen Herz aus Katzengold, Shanghai, der vorgeblich entspannten Alternativmetropole Chengdu und dem verarmten, ja heruntergekommenen Süden Chinas, Guangxi. Bei dieser Reise schärfte sich der Blick für die Probleme, die Dilemmata und Sollbruchstellen dieses schwer zu fassenden Molochs.
Wechselbad zwischen Massen und Nichts
Zunächst einmal, ich kenne mich nicht wirklich mit Wirtschaft aus, aber wenn man bemerkt, dass China nur an zwei Orten voller Menschen und Leben ist, nämlich da wo es etwas zu essen gibt und dort wo Möglichkeiten zur Fortbewegung angeboten werden, dann wird man misstrauisch und ahnt, dass hier irgendetwas ganz grundlegend nicht zu stimmen scheint. Sämtliche anderen Orte wie Supermärkte, Klamottenläden, Hotels o.ä. sind nicht nur gähnend leer, sondern wirken wie ausgestorben. Dennoch gibt es aber unzählige, gigantische Anlagen, die dem nicht vorhandenen Konsumtrieb gewidmet sind, ja, weitere Supermärkte, Klamottenläden und Hotels werden in unüberschaubarer Zahl unaufhörlich gebaut, so dass dann bald auch in diesen viel zu viele unbeschäftigte Verkäufer und Hoteliers sich die Beine in den Bauch stehen werden, während sie manisch auf ihre Handys starren und ihr Leben verdaddeln. Mag sein, dass der Onlinehandel hier ein bedeutender Faktor ist, denn schaut man sich in China um, sehen die meisten Menschen nicht so aus als ob ihre Konsumgewohnheiten sehr asketisch ausgeprägt wären, aber das würde den zwanghaften Bau von Gewerbepalästen und deren Inbetriebnahme für niemanden ja noch absurder erscheinen lassen. Wenn man also im Vornherein weiß, dass die Leute nicht kommen werden, weil sie im Internet kaufen, man aber trotzdem an ein unbewohntes Geisterstadtviertel eine Mall gigantischen Ausmaßes klotzt und sie dann unbeeindruckt eröffnet und geöffnet lässt, ja was heißt das dann, dass man die Kontrolle verloren hat?!







Wie gesagt, auch ohne große VWL-Kenntnisse wage ich zu behaupten, dass das so nicht mehr lange gut geht, nicht gut gehen darf, sonst pflastern die uns den gesamten Planeten mit leerstehenden Gewerbeimmobilien zu. Ich habe viel gelesen über die Immobilienkrise, die wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit, über Korruption und Generationenkonflikt. Kein Zweifel, die ambitionierte Weltmacht in spe muss noch einige Kinderkrankheiten und ureigene Defekte des Kapitalismus überwinden bevor sie es sich auf dem Weltenthron bequem machen kann. So war unser drittes China das wohl kontrastreichste Programm was wir uns bislang gaben. Das hyperventilierend prosperierende Shanghai mit seiner höchsten „Café-Dichte“ der Welt (obwohl die meisten Chinesen Kaffee gar nicht mögen) und flüsterleiser Elektromobilität versus den unbefestigten, unbeleuchteten, staubigen Agrarstädten ohne Namen und ohne Hoffnung in Guangxi – es war schwer zu ertragen, unmöglich zu verstehen, doch nach den bizarr-klischeehaften Hügelkarstlandschaften um Guilin kam die Fahrt durch Chinas Süden gen Vietnam teilweise einer Flucht gleich.
Es gab schlichtweg wenig Gelegenheiten für eine Rast, einen Gelegenheit zur Erholung oder einfach einen Moment um das Auge auf etwas Schönem ruhen zu lassen. Jeder Quadratzentimeter, so schien es, wurde hier erbarmungslos und ohne Blick für etwas anderes als Nährwerterzeugung ausgebeutet. Kein Wäldchen, keine Wiese, kein irgendwas, nur endlose pestizidgetränkte Mais-, Zuckerrohr, Orangen- und Bananenfelder soweit das durch Rauch und Abgase gerötete Auge blicken konnte. Dazwischen Menschen wie Ameisen, die unaufhörlich stumpf vor sich hin arbeiteten. Viel mit der Hand, Mann und Frau, alt, mittelalt und ganz jung. Es gab wenig Kontakte zur Landbevölkerung. Wie es auch abseits dieser Region zu den bemerkenswertesten Konstanten gehörte, dass sich einfach keine nennenswerten Gespräche jenseits des ewiggleichen „Woher&Wohin“ ergaben, hier in Guangxi fühlten wir uns wie Schatten. Gespenstergleich durchflogen wir die Landschaft. Aßen, radelten und checkten meist spät in der Nacht in einem der zahlreichen ungenutzt erscheinenden, glücklicherweise sehr billigen Hotels ein. Die Gespräche mit den Einheimischen waren stets sachbezogen und kurz angebunden. Keiner wunderte sich großartig über uns, keiner wollte mehr von uns wissen. Das hieß natürlich auch hier gab es nicht die penetranten Kontrollen der Staatsmacht, aber ein wenig wünschten wir sie uns hier fast zurück. Das waren zumindest Sozialkontakte!







Wir haben viel darüber nachgedacht, woran es wohl gelegen haben mag, dass wir hier in China so gut wie nie ins Gespräch mit Menschen kamen. Und dabei wäre es nötiger denn je gewesen, denn an kaum ein Land habe ich mehr Fragen als an China und so musste ich das meiste was hier zu lesen ist, mühevoll durch Beobachtung, Analyse und Kombination herausfinden wo anderswo eine schlichte Frage die Erkenntnis gebracht hätte. Die Fehlerstreuung bei dieser Methode versteht sich von allein und muss bei all meinen Worten daher stets im Hinterkopf behalten werden. Selbstverständlich ist es ja nun nicht so, dass wir in jedem der durchreisten Länder locker, flockig plaudernd unterwegs gewesen wären. Es gibt natürlich distanzierte und aufgeschlossenere Länder, dabei können auch die eher gesprächigen Regionen durch Einfalt ermüden. Doch im Schnitt, wenn man sich nur lange genug in einem gewissen Land aufhält, führt einem Gevatter Zufall fast immer einen Zeitgenossen zu, der interessiert an unserem Treiben, offen für Fragen an seinem Land und dabei noch irgendeiner Fremdsprache mächtig ist über die man dieses Gespräch laufen lassen kann. Nur in China kam es nie zu dieser Situation und wir grübeln weiterhin warum.
Ein paar Spekulationen hierzu: Schon von den ersten Tagen an fiel uns in den verschiedensten Situationen eine tiefsitzende Teilnahmslosigkeit der Menschen hier auf. Dies betraf nicht unbedingt nur uns. Auch wenn man nebenher eine Straßenszenerie beobachtete, konnte man ohne viel Warten Menschen beobachten, die ihre Umwelt, auch wenn sie vielleicht eine, wie auch immer geartete Reaktion erfordert hätte, apathisch beäugten, aber nichts taten. Eine Kindermeute verfolgt ein anderes Kind, schubst ihn lachend auf die Straße und zieht lärmend weiter. Die Passanten neigen lustlos den Blick, ohne eine Miene zu verziehen und weiter fließt der Alltagsfluss. Ein Eierhändler kommt ins eiern (sorry dafür) verliert auf irrsinnig komische Art ein paar seiner Produkte – die Reaktion, der Menschen um ihn herum: Sie notieren jede Bewegung, schauen alles mit wachen Blick an. Irgendeine Reaktion? Fehlanzeige. Es sind diese ausdruckslosen Fischaugen, die uns hier so oft begegneten. Volle Aufmerksamkeit, konzentrierte Beobachtung, aber das totale Pokerface. Lachen, Plaudern, ja Leben beginnt für die meisten Menschen hier offensichtlich erst wenn sie auf Menschen aus ihrer Bezugsgruppe, ihrer Blase treffen. Dann wird es ohne Verzögerung sofort laut und herzlich. Es scheint fast so, als ob man aus der Erfahrung der Geschichte jeglichem Fremden skeptisch oder zumindest abwartend gegenübersteht. Es finden sich da üble Geschichten im Internet über die mangelnde Hilfsbereitschaft der Chinesen auch in Extremsituationen. Die Menschen haben hier (zum Teil zu Recht) Angst für eine Hilfeleistung verklagt zu werden. Man hört, dass es diesbezüglich besser werden soll und speziell unter jüngeren Menschen machten wir hier auch bisweilen bessere Erfahrungen, dennoch ist das natürlich nicht die beste Basis um in ein unverfängliches Gespräch zu kommen.


Beim vierten Besuch hatten wir uns viel vorgenommen. Die lange Pause voneinander hatte zumindest uns gutgetan. Ich hatte sehr viel über China nachgedacht, wir hatten viel über China gelästert und so vieles hing noch ungeklärt im Raum. Kein anderes Land hatte bei uns und anderen Mitstreitern für soviel Gesprächsstoff gesorgt. Schließlich gab es offensichtlich kaum eine kontroversere Reiserfahrung als China: Zwischen „nie wieder“ und „bestes Land der Reise“ gab es kaum andere Standpunkte. Wie war das möglich? Allein um das zu für uns zu klären mussten wir nochmal hin. Und auch weil es kaum eine andere Möglichkeit gab. An China führte kein Weg vorbei. Diese offene Wunde konnte man einfach nicht so vor sich hin schwären lassen. Schlussendlich fühlte ich mich nun nicht nur bereit, nein, ich wollte dieses Mal genauer hinschauen, langmütiger Unangenehmes aushalten und vor allem eben das Gespräch suchen. Ich war bereit. Der Größte aller Brüder verdiente einfach noch eine Chance. Und anfangs ließ es sich tatsächlich überraschend gut an: Nach den Monaten in Südostasien begriffen wir schlagartig wie sehr wir einige Produkte des rührigen Ein-Parteien-Staats vermisst hatten: Exzellente Straßen, göttliche, öffentliche Toiletten, schlichtweg eine funktionierende Infrastruktur. Außerdem wirkten die Menschen im Süden freundlicher, offener – lag es vielleicht daran, dass Yunnan zu den multiethnischsten Provinzen Chinas gehört und wir demnach noch gar nicht auf „richtige“ Chinesen getroffen waren? Oder, gewagte Arbeitsthese, sind die Menschen jedes Landes im Süden irgendwie lockerer und entspannter (Deutschland und Großbritannien ausgenommen, fielen mir bislang wenig Gegenbeispiele ein)?










Und dann kam das große Finale, der Zirkelschluss, die gewagte Konfrontation mit der Problemprovinz Xingjiang. Nach einem mongolisch-lässigen Sommer wollten wir es noch einmal wissen und setzten uns den Eindrücken aus. Wie würden wir alten Chinahasen nun, nach über drei Monaten gesammelten China-Erfahrungen reagieren auf das, was uns zu Beginn so reizte und störte. Aber weit gefehlt! In diesem ausgefransten Rand des Imperiums fanden wir nur ausgestorben wirkende, verfallene Dörfer und harmlose, freundliche Menschen am Wegesrand. Keine Kontrollen, keine Gängelung – freie Steppe für freie Radler. Lag es nun tatsächlich nur daran, dass hier kaum welche von den widerborstigen Uiguren lebten, sondern die offenbar unverdächtigen Kasachen? Wahrscheinlich. Und so war es dann auch weniger ein Abschied von China sondern ein herzliches Willkommen zurück in Zrentralasien.
Die beste Küche, die besten Küchen der Welt!
Und dann natürlich – the one and only – dieses fantastische Essen! Warum nochmal glaubten wir ein Problem mit China zu haben?! Man verzeihe mir dieses Bauchgefühl, aber einem Land welches kulinarisch derart überzeugt, ist man bereit, eine Menge Schandtaten zu verzeihen. Daher hier nun die Abschweifung zum mit Abstand größten Pluspunkt Chinas. Es ist mir komplett schleierhaft, wie ich zuvor soviel über China schreiben konnte ohne dieses Thema auch nur ansatzweise zu streifen.










Wenn die Rede von Essen ist, ein brisantes Thema wie Erziehung und Geschichte – jeder hat eine und denkt deshalb zu wissen, was die richtige ist – kommt oft der beliebte Kompromissschlenker, dass das natürlich alles Geschmackssache sei. Und obwohl das selbstverständlich stimmt, bringt es im Falle der Chinesischen Küche nicht weiter. Nein, ganz im Ernst, hier muss man auch mal seinen Stiefel durchdrücken: Nix mit Geschmackssache! Es ist schlicht und einfach die beste Küche der Welt! Auch weil es eben Geschmackssache ist. Denn die vier (oder acht) Hauptküchen („Süden ist süß, Norden ist salzig, Osten ist sauer, Westen ist scharf.“) überzeugen auf eine geradezu unverschämte Art durch Auswahl, Vielfalt und Opulenz, dass einzig und allein Mäkelfritzen oder blutleere Notwendigkeitsesser hier das Gegenteil behaupten könnten. Und auf deren Meinung legen wir in kulinarischen und in jeglichen Fragen von jeher nicht den geringsten Wert..










Außerdem liebe ich auch die Esskultur (ja, an den schmatzenden und schmutzigen Teil muss man sich gewöhnen!), dieses nahezu erotische Verhältnis zum Essen habe ich so maximal in Italien oder in Georgien erlebt. Auch den sozialen Aspekt, das gemeinsame Essen, das, es gibt kein „Dein-Mein“ auf dem Tisch. Wenn man hierzulande fragen will wie es dem Gegenüber geht, fragt man: „Chī fàn le ma?“ (吃了吗?) „Hast du schon gegessen?“ Das sagt doch wohl alles. Es gehört zu den angenehmsten Begleiterscheinungen einer Reise durch China, dass man sich überhaupt nicht kümmern muss, recherchieren oder abwägen – es gibt immer und überall exquisites Essen. Essen, für das man anderswo töten würde, findet man hier in einem schäbigen Imbiss hinter dem Busbahnhof. Ich meine das alles völlig ernst: Egal in welcher Region und zu welcher Zeit – das beste Essen der Welt! Diese Ausnahmestellung des Chinesischen Essens macht bisweilen auch einen, ich muss es so ordinär ausdrücken, wahrhaft verfressenen Eindruck. Ich meine, es gibt ganze Stadtviertel, in denen von früh bis spät nichts anderes passiert als Lebensmittel zu handeln, Lebensmittel zuzubereiten und schließlich zu verfuttern. Reinste Schlaraffenstädte! Auch preislich gibt es übrigens kaum größere Unterschiede, ob in Touri-Hotspots, Luxusvierteln oder in bester Strandlage (natürlich gibt es hier wahnwitzige Ausnahmen). In über 10 Wochen China haben wir nur zwei Mal schlecht gegessen. Und das eine Mal war sehr nah an der vietnamesischen Grenze.










Nein, wirklich, ich bin sonst immer verhandlungsoffen und gesprächsbereit, aber in diesem einem Fall: Lasst den Chinesen diese Ehre, was haben sie denn sonst schon an Superlativen?!



Abschließende Gedanken – habe ich irgendwas begriffen?
Und damit wären ich also durch, hätte unsere Reisen gedanklich nachvollzogen, bin an den Stellen, die sich anboten, kurz rangefahren und habe ausgeholt und bin abgeschwiffen, dass es kracht. Ich spüre, dass es schwer wird mit einem Fazit, einer belesenen Umzingelung und mit Antworten oder einer halbwegs tauglichen Einschätzung. Glücklicherweise gibt es noch ein paar Aspekte, für die oben kein Platz war, die ich aber unbedingt noch erwähnen möchte. Einfach, weil sie mir aufgefallen sind und ich sie in irgendeiner Weise bemerkenswert finde.






Da wäre zunächst das Verhältnis der meisten Chinesen zu Tieren. Und an dieser Stelle könnte man eigentlich, wenn man wollte, all das zuvor beschriebene Positive und Liebenswerte an China, wortlos zusammenstreichen und den ganzen Quatsch hier lassen. Denn was ich in dieser Hinsicht in China erleben musste, gehört wirklich zu den widerwärtigsten Dingen, die ich je erlebt habe. Nun ist es bekanntlich so, dass in den meisten Ländern jenseits der wunderbaren Ländereien von Standardeuropa, Tiere weiterhin als Sachen gelten. Doch kann man eben auch eine Sache anständig behandeln. Selbst wenn es unserem Empfinden möglicherweise widerstrebt, kann man abstreiten, dass ein Hund oder ein Esel Schmerz empfindet und ihm trotzdem keine zufügen. Warum sollte man auch? Man hackt ja auch nicht mit der Axt auf den Tisch weil es ihm nicht wehtut. In China sah ich jedoch oft wie Leiden und Schmerz von Tieren in Kauf genommen wurde obwohl es ohne jede Mühe möglich gewesen wäre diese zu vermeiden. Der gedankenlose Einsatz von Tieren bei Tombolas und ähnlichem spricht hier zum Beispiel eine deutliche Sprache. Selbst wenn es ein Tier geschafft hat, der Leidensspirale zu entkommen und zwar nicht dadurch, dass es seine geplagte Existenz im Wok beendet, steht ihm ein würdeloses Leben im Tütü, mit rosa gefärbten Fell und so gut wie keinem Freigang bevor. Wenn man wollte könnte man jetzt den Bogen von Tieren zur Natur im Allgemein spannen. Die lückenlose Ausbeutung der Ackerkrume, die wir in Südchina beobachten mussten, die massive und und größtenteils komplett unnötige Versiegelung ihres wunderschönen Landes, die künstlichen Parkanlagen, die nur auf Effekt und Moment getrimmt sind und keinerlei durchdachtes Ökomanagement kennen. Sie machen einiges richtig und haben manche Schüsse nicht nur gehört sondern auch dementsprechend reagiert. Doch irgendwie schlummert in mir ein Verdacht, dass man die Natur nicht schützen kann wenn man sie nicht als gleichberechtigten Partner und sich selbst nicht als Krone der Schöpfung sondern als Teil des Ganzen versteht. Diese Brandrede kann selbstverständlich an den unterschiedlichsten Orten unseres Planeten gehalten werden, aber hier war sie auf jeden Fall so oft angebracht. Allein weil hier halt wie immer alles ein bisschen zu viel ist. Nein, ich hatte vor hier über alles zu reden und quasi selbsttherapierend auf einen grünen Zweig zu kommen, aber es gibt Grenzen. Hier hilft wohl nur Verdrängung.
Gemäß einer ausgeglichenen Betrachtung nun zu einer positiven Beobachtung: Dem Verhältnis zwischen Frau und Mann in der Öffentlichkeit. Bei meiner Vorrecherche stieß ich häufiger auf Aussagen über Probleme zwischen den Geschlechtern. Neben dem, durch die Ein-Kind-Politik verursachten demographischen Probleme würde es wohl nun auch zusätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen jungen Männern und Frauen geben, die ein harmonisches Zusammenleben zusehends erschweren würden. Die verwöhnten männlichen Einzelkinder würden immer häufiger auf Frauen stoßen, die nicht bereit wären, dem ewiggleichen Rollenbild zu entsprechen. Soweit so global, könnte man meinen. Aber auch hier gilt, es ist immer ein bisschen zuviel. Angeblich gelten chinesische Männer als ungepflegt, desinteressiert und wenig attraktiv. Diese wiederum fühlen sich von dieser Wahrnehmung und ihrem daraus resultierenden Single-Dasein ungerecht behandelt und lassen ihren Frust in frauenfeindlichen Chatgruppen und Foren aus. Heute gibt es in China rund 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Diese Schieflage wirke sich stark auf die Beziehungen zwischen Mann und Frau aus. Männer finden keine Frauen, Frauen fühlen sich bedrängt und unter Druck gesetzt. Soweit die Faktenlage. Meine Beobachtung war dagegen eine ganz andere.
Verliebte Chinesen sind keine lauten Chinesen.
Ich war von den ersten Tagen an sehr angetan von den glücklichen und stillen Paaren, die mir überall in der Öffentlichkeit begegneten. Vielleicht auch weil diese Art von öffentlich gezeigter Zärtlichkeit in Zentralasien verpönt ist, ich aber als stets dem Turteln zugeneigter Mann mich freue zu hören, dass ich in meinem jeweiligen Gastland ohne Sorgen turteln könne. Doch abgesehen davon mag ich auch das Bild von vertraut, zärtlich und still miteinander umgehenden Menschen. Wichtiger Merksatz: Verliebte Chinesen sind keine lauten Chinesen. Im übrigen betrifft diese angenehme Beobachtung nicht nur frisch verliebte Paare, nein, auch bei den älteren Semestern oder auch innerhalb der Familie sah ich herzerwärmende Gesten der Zuneigung. Nicht dieses Sache mit „Liebe vor Leuten hat nichts zu bedeuten“. Keine selbstdarstellende Inszenierung des eigenen Glücks. Nein, das was ich meine waren, echte, komplett von der Außenwelt losgelöste Gesten der Liebe und Zuneigung. Auch hier wieder, große Hochachtung wie sich diese Menschen ungeachtet des Lärms und Trubels der sie umspült, auf sich konzentrieren können und in ihrer Blase diese Ruhe und Intimsphäre aufbauen.
Eine andere schöne Sache, die wir immer wieder voller Wohlgefallen genossen, waren die zahllosen Tanzgruppen, die überall zur Morgen- und Abendzeit auf jeder nennenswerten Freifläche aus dem Boden sprossen. Ob bunt kostümiert oder im Pyjama, in Tracht oder Jogginganzug – überall in China begegneten uns diese Gruppen die mit Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit zusammen herumwippten. Über diese Neigung der Chinesen, den größten Teil ihrer Freizeit in Parks und anderen öffentlichen Räumen gemeinsam zu verbringen ist viel geschrieben wurden. Hier deutet man es so, dass die Menschen meist nur sehr kleine Wohnungen hätten und daher gerne jeden Augenblick draußen verbringen würden. Mag sein, aber ich glaube sie sind einfach zugerne untereinander miteinander. Sie sind einfach sehr leidenschaftliche Gemeinschaftsfreunde…
Ein weiteres großes Thema, welches oben bereits angestoßen wurde ist jenes der Sozialdistanz. Körperliche Nähe, Lautstärke, das ganze Miteinander. Jahrhunderte des Zusammenlebens in großer Dichte haben hier offenbar zu einem grundsätzlich anderen Verhältnis geführt als wie wir es kennen. Offensichtlich hat das Leben in der Masse über zahllose Generationen hinweg zu einem gänzlich anderen Empfinden gegenüber Menschenmassen, sozialer Distanz und körperlicher Nähe geführt. Ähnlich wie bei der bewundernswerten bis bedenklichen Unempfindlichkeit/Abstumpfung hinsichtlich Geräuschen, sehe ich die meisten Chinesen wie in einer Blase, die beliebig zwischen den Menschen hin und her blubbert, gleitet, flutscht. Man raunzt sich dabei nicht an oder lässt in irgendeinem Sinne Unzufriedenheit erkennen. Man verfolgt einfach nur mit beharrlichen Gleichmut stoisch sein Ziel. Und sonst nichts.






Doch wie so oft hat auch diese pragmatische Entwicklung Vor- wie Nachteile. Man mag die Nähe eines fremden Körper als zu nah empfinden, den Ellenbogen als zu schwungvoll gegen die eigenen Rippen gehoben, von den unzähligen mobilen Flitzern, die einen überall wo fester Grund ist, umsausen ganz abgesehen, doch eines ist dabei bemerkenswert: Keiner empört sich, keiner beharrt auf seinem Recht. Viel stoische Geduld und Gleichmut gegenüber Dingen, die man eh nicht beeinflussen kann. Es ist wohl dies was ich aus Ostasien am ehesten mitnehmen möchte: Das hier in gewissen gesellschaftlichen Zusammenhängen erfolgreich gelebte Gelassenheitsgebet: „Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die man ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Nur bestehe ich alter Europäer weiterhin darauf, dass Rücksichtnahme, vorausschauendes Denken und ein begrenzter Egoismus für das öffentliche Miteinander auch eine feine Sache sei.
Ganz offensichtlich wird das Problem bei der unfassbar irrationalen Kultur des Ein- und Aussteigens: Das ungehemmte Drängeln, Stoßen und Schubsen, welches hier einsetzt, ließ selbst solch leidgeprüfte Veteranen wie uns staunend zurückspringen. Das bockartige, blinde Reinstürmen in eine Metro hatte ich in dieser Form bisher nur selten gesehen. Hier konnte man derlei Verhalten häufig beobachten. Nachdem wir in mehrwöchigen Forschungen überein kam, dass dieses Verhalten mehrheitlich bei älteren Menschen zu beobachten ist, fragten wir uns ob dies möglicherweise ein Resultat jahrzehntelanger Verknappung und des auf sich Alleingestelltseins sein könnte?






Und wenn es eng wird, wird es auch lauter. Sehr laut, unerträglich laut. Fassungslos erlebte ich oft wie Menschen sich selbst auf engstem Raum anschrien als ob sie auf weit voneinander entfernten Berggipfeln stehen würden. Untermalt von den unterschiedlichsten, infernalisch lauten Hintergrundgeräuschen. Ich hatte da eingangs eine schwache Erklärung versucht von wegen kultureller Umdeutung von Stille und so. Doch das erwähnte „Re nao“ (热闹), was übersetzt so viel wie „heiß und laut“ oder „lebhaft“ bedeutet, erklärt nicht im mindesten die oftmals unverhältnismäßige Lautstärke, welche auch in unwichtigsten Situationen von einer Kleinstzahl an Menschen produziert werden kann. Was hier auch noch ursächlich sein könnte, ist der Pferdefuß der tonalen Sprache: Mandarin basiert auf vier (im Kantonesischen sogar auf neun) verschiedenen Tönen. Ein und dieselbe Silbe bedeutet je nach Tonhöhe etwas völlig anderes (z. B. mā = Mutter, má = Hanf, mǎ = Pferd, mà = schimpfen). Um in einer lauten Umgebung Missverständnisse zu vermeiden, muss man die Töne extrem sauber und akzentuiert betonen. Das automatische Resultat: Man spricht lauter und druckvoller. Außerdem: Weil Mandarin diese extrem feinen Tonunterschiede sein Eigen nennt, führt das im Alltag dazu, dass die Sprache akustisch viel „anfälliger“ für Hintergrundgeräusche ist als beispielsweise Deutsch oder Englisch. Wenn im Deutschen ein Wort durch Straßenlärm halb verschluckt wird, kann man sich den Sinn meistens noch problemlos aus dem Kontext erschließen. Im Chinesischen hingegen entscheidet oft eine winzige Nuance in der Tonhöhe über die komplette Bedeutung des Wortes. Vernuschelt man den Ton oder wird er vom Lärm geschluckt, versteht das Gegenüber buchstäblich nur noch Bahnhof oder ein völlig falsches Wort. Um also überhaupt verstanden zu werden und ständige Missverständnisse zu vermeiden, muss man die Töne extrem sauber, akzentuiert und eben mit deutlich mehr Druck und Lautstärke herauspressen. Was für unsere Ohren dann oft wie ein aggressives Anschreien oder Schimpfen klingt, ist in Wahrheit einfach nur der pure Versuch, die akustische Verständlichkeit der Sprache über den Geräuschpegel zu retten. Es ist also nicht nur aufgrund seiner sperrigen Schriftlichkeit eine recht unpraktische Sprache. Und natürlich kommt als ein weiterer Faktor die kollektivistische Kultur hinzu, womit sich gewissermaßen der Kreis schließt. Das westliche Konzept einer strikten „Gefühlssphäre“ im öffentlichen Raum fehlt hier weitestgehend. Man teilt sich einfach den Platz. Wenn sich alle laut unterhalten, stört man niemanden – es wird einfach als Grundrauschen des Lebens akzeptiert. Niemand senkt die Stimme, um die Privatsphäre des Nebentisches nicht zu stören, weil Privatsphäre im öffentlichen Raum schlicht anders definiert ist. Genauso wie man den Ellenbogen in den Nieren beim Einsteigen in die Metro hinnimmt, sieht man auch den Rezeptaustausch in Dezibelstärke eines Flugzeugstarts neben einem als Teil des unvermeidlichen und nicht beeinflussbaren Zusammenlebens von Menschen. Erneut also ein gewaltiges Problem für uns, welches ganz offensichtlich nur für uns ein Problem war. Auch dies gehörte zum verwirrenden Annähern an China, dass wir meist nur über „unsere“ Probleme sprachen und es dann eben auch als Problem einordneten, dass die Einheimischen damit kein Problem hatten.
Ich möchte zum Schluss noch etwas intimer werden und gestehen, das China die große Liebe meiner Kindheit war. Zwischen 10 und 14 saugte ich alles bedingungslos vernarrt auf, was dieses mir dieses ferne Land bot. Chinesisches Essen, Kung-Fu, Kalligraphie, Film, Musik und Philosophie, die ganze Ästhetik – ich liebte alles was aus China kam und fühlte mich unsagbar hingezogen zu dieser unfassbar alten kultivierten Welt voll geruhsamer Bedachtsamkeit und ausgewogener Eleganz. Als auf dieser Reise Asien und damit natürlich unweigerlich China ins Sichtfeld geriet war ich aber alles andere als begeistert. Dieses China, welches ich verehrte, gab es schon lange nicht mehr. Das Jahrhundert der Demütigungen sowie die Kulturrevolution hatten hier schon einiges zerrüttet, doch die neue Welle der Modernisierung, so schien es mir aus der Ferne, musste ein kulturloses, supermaterielles Konsum-und-Wachstums-Monster erschaffen haben. Ich stellte mir endlose, fade Wolkenkratzergebirge vor, durch die unablässig Myriaden von geistloser Arbeit verrichtender Sklaven der Umstände durchwuselt würden. Ich erahnte unbegreiflich geschmacklose Stilblüten neureichen Wahns, nutzlos und unbrauchbar, erschreckende Monumente materieller Selbstentrücktheit. Ich vermutete weiterhin eine Bevölkerung, die sich in erbärmliche, den menschlichen Einfallsreichtum verhöhnende Handyspielchen und anderes Klickibunti geflüchtet hat und gnadenlos infantilisiert und mit der Aufmerksamkeitsspanne von Achselschweiß, nicht mehr in der Lage ist die Schönheit und Vielfalt ihrer eigenen Kultur zu verinnerlichen. So sahen meine finsteren Vorahnungen aus und im Wesentlichen trafen sie tatsächlich alle zu. Und dennoch war es nicht so fürchterlich wie ich vermutete. Das ist merkwürdig, schwer zu vermitteln, aber es ist so. Denn genau das macht China mit einem.
Wer mir bis hierhin gefolgt ist, wird diese Reise hoffentlich nicht ohne Genuss und Erkenntnisgewinn gemacht haben. Ich kann schwerlich beurteilen wie dieser Text auf andere Menschen wirken könnte. Schließlich gehen die Meinungen der Chinareisenden hinsichtlich ihrer Chinabeurteilung ja wie gesagt weit auseinander. Und wie dieser Bericht auf Menschen wirkt, die noch nie in China waren – keine Ahnung – wahrscheinlich sehr wirr, durcheinander und teilweise vielleicht ein Hauch unstrukturiert. Aber eigentlich ist das, wie bei allen Artikeln hier, auch zweitrangig. Letztlich ging es um mich und China, sowie den verzweifelten Versuch diese verwirrende und an Eindrücken überschäumende Zeit zusammenzufassen, zu bündeln, zu sortieren, zu verarbeiten. Und als kaum zu erhoffendes Sahnehäubchen hatte ich natürlich auch im Sinn, wenigstens ein Mü mehr zu verstehen als zuvor. Doch warum sollte es im Falle Chinas sein als bei den meisten anderen bereisten Ländern: Man reist stets mit mehr Fragen ab als man eingereist ist. Wahrscheinlich ist das sogar gut so und unvermeidlich, da man sich, wenn man nicht verreist, manche Fragen über ferne Länder gar nicht stellt, nicht stellen muss.







China wird mich lange nicht mehr loslassen. Dieses Land hat einiges in mir berührt, manches davon ruppiger als es mir lieb war, und von manchen wusste ich gar nicht dass man es berühren kann, aber diese Berührungen haben etwas in mir ausgelöst. Denn obwohl China das einzige der 40 mit dieser Reise durchquerten Länder ist, in dem ich nie und nimmer leben wollte und könnte und ich inständig hoffe, dass die Welt nicht so wird wie China jetzt ist, habe ich meinen Frieden mit China gemacht. Ich habe gelernt, mich hier wohlzufühlen und auch wenn ich einiges hier zutiefst anstrengend und unangenehm finde, habe ich es geschafft mich zu arrangieren. So war ich letztlich in der Lage, dieses Land auf mich wirken zu lassen und es hat einen enorm starken Eindruck hinterlassen, so stark, dass es nicht vorbei sein wird nachdem ich die Grenze passiert habe. Natürlich lässt man immer ein Stück von sich in einem bereisten Land wenn man nur lange genug dort war. Doch dieses Mal nehme ich sogar ein gewaltiges Stück China mit, halt immer ein bisschen zu viel.
Das letzte Wort möchte ich aber jemand anderen überlassen, ich habe dieses Zitat schon in meinem Artikel über empfehlenswerte Sachbücher zum Thema China gebracht. Da diese Bücherempfehlungsecke aber verhältnismäßig gering frequentiert wird, schadet es wohl nicht diese wirklich sehr klugen Worte hier nochmals fallenzulassen.
Chinas zweite Moderne hat vielerorts ein neues, eindrucksvolles und hochmodernes Land geschaffen. Aber sie hat zugleich unendlich viel zerstört: Menschenleben, Natur und nicht zuletzt traditionelle Kultur. Was die Kulturrevolution verschont hat, haben die Bulldozer der Modernisierung zertrümmert. Die alte Architektur der Städte ist weitgehend zerstört oder durch kitschige Imitate ersetzt worden. Der Abriss von traditionellen Wohnvierteln und Dörfern sowie die Zwangsumsiedlung der Landbevölkerung – 250 Millionen Menschen sollen bis 2025 in städtische Neubauten gezwängt werden – droht noch die letzten Reste von Volkskultur zu vernichten: mit den lokalen Gemeinschaften werden auch ihre Lieder, Tänze, Sitten und Feste für immer verschwinden. Was bleibt, sind Folklore und falsche Fassaden.
„Geschichte Chinas“, Kai Vogelsang
Gerade deshalb scheint die KPCh permanent auf „chinesischen Charakteristika“ beharren zu müssen, weil diese kaum noch zu erkennen sind. Nichts in China ist mehr echt. Der Kern der chinesischen Identität, die so oft beschworen wird, ist hohl. Der Partei ist es bis heute nicht gelungen, diese Leerstelle zu füllen. Weder der „Sozialismus chinesischer Prägung“ noch der schemenhafte „chinesische Traum“ sind überzeugende Identitätsangebote. Eingezwängt zwischen staatlicher Gängelung und kommerzieller Vereinnahmung, haben weder Künstler noch Intellektuelle aufzeigen können, was chinesische Kultur in der Moderne bedeutet. Weder in der bildenden Kunst noch in der Musik hat Chinas neues Zeitalter Werke von Weltrang hervorgebracht; die große Zeit des chinesischen Films ist vorbei…
Weiterführendes & Nützliches zum Thema China
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