- Warum es wieder losgeht oder eine neuerliche Hamsterradkritik
- Von Friedrichshain über Friedrichshain hin zu böhmischen Dörfern
- Von tschechoslowakischen Höhen und Tiefen
- Diashow, die erste: Von Heidesee bis fast zum Triglav
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (1) von Altungarisch bis Walachei
- Über idyllische Plattitüden und endloses Grün
- Über das januszipfelige Istrien
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (2) von Adige bis Theodor Mommsen
- Reisen nach Zahlen – 100 Tage
- Von einer die auszog das Fürchten zu verlernen
- Der italienischen Reise erster Teil
- Die besten Gerichte von draussen
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (3) von Basilikata bis Wildschwein
- Der italienischen Reise zweiter Teil
- Der italienische Reise dritter Teil
- Einblicke ins Reisetagebuch
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (4) – Von Ätna bis Zitrusfrüchte
- Reisen nach Zahlen – Tag 200
- Währenddessen in Afrika
- Così fan i tunisini
- Eisenbahnfahren in Tunesien
- Von Menschenhaufen und anderen Platzhengsten
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (5) von Agave bis Tuareg
- Tunesien – auf der Suche nach der Pointe
- Reisen nach Zahlen – Tag 300
- Sardinien – der italienischen Reise letzter Teil?
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (6) von Asinara bis Tafone
- Kleine, feine Unterschiede
- Im Autokorsika über die Insel
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (7) von Elba bis Tarasque
- Fahrradfahren (u.v.m.) wie Gott in Frankreich – erste Eindrücke
- Jahrein, jahraus, jahrum
- Ausrüstung für Langzeitreisende – ein paar grundlegende Gedanken
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (8) von Baselstab bis Wasserscheidenkanal
- Reisen nach Zahlen – Tag 400
- Querfeldein und mittendurch – Frankreich vom Rhein bis zum Atlantik
- Wissensstrandkörner aus dem Reisewatt – Gezeiten-Sonderausgabe
- Ratgeber: Radfahren auf dem EuroVelo 6 (Frankreich)
- Projekt-Radria-Gleiche (Tag 426)
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (9) von El Cid bis Wanderdüne
- Der Jakobsweg – ein fader Pfad im Kurzporträt
- Ratgeber: Fahrradfahren auf dem Eurovelo 1 (Velodyssée)
- Unter Jakoblingen – von den Pyrenäen bis ans Ende der Welt
- Wissensplitter aus dem Reisesteinbruch (10) von Don Sueros de Quiñones bis Saudade
- Reisen nach Zahlen – 500 Tage
- Kopfüber durch Portugal und zurück
- Aus dem Reiseplanungslabor: Arbeitskreis Westafrika
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (11) von Azulejos bis Wasserballastbahn
- Meerdeutigkeit
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (12) Von Al-Andalus bis zu den Säulen des Herakles
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (13) von Alcazaba bis zur Unbefleckten Empfängnis
- Andalusien – ein Wintermärchen
- Reisen nach Zahlen – 600 Tage
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (14) von Flysch bis Trocadéro
- Rowerem przez peryferie
- Von Aisha Qandisha bis Moulay Idriss (15) Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch
- Jauchzend betrübt – die Packungsbeilage für Marokko
- Marokkohochjauchzende Menüvorschläge
- Reisen nach Zahlen – 700 Tage
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (16) von Corniche bis zur Via Domitia
- Die „Reiß-dich-am-Riemen“-Tour oder Radwandern für Durchgeknallte
- Ratgeber: Radfahren auf dem Eurovelo 8 – „La Méditerranée“
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (17) von Bektaschi bis Vučedol
- Giro della Jugoslavia
- Ratgeber: Radfahren auf dem EuroVelo 6 – das Balkankapitel
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (18) von Chinesischer Jujube bis Ъъ
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch – MYTHOLOGIESPEZIAL – eine kleine Umschau des Irrsinns
- Was wurde eigentlich aus dem Römischen Reich? Eine ausführliche Inventur der verbliebenen Provinzen
- 852 Tage – Doppelt hält besser
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (19) von Atatürk bis Tigris
- Von Bačka Palanka zum Goldenen Vlies – Endspurt zum Kaukasus
- Z Nysy do Nysy
- Jahresrückblick 2024
- Reisen nach Zahlen – Tag 900
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (20) von Chichilaki bis zum Schutzvertrag von Georgijwesk
- Pflanzen, die es geschafft haben
- EIL: Wie man eine geschlossene Grenze überquert – auf dem Landweg von Georgien nach Aserbaidschan
- Reisen nach Zahlen – 1000 Tage
- Georgien – Winterschlaf im Schatten des Kaukasus
- Kurzanleitung: Mit dem Schiff von Aserbaidschan nach Kasachstan
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (21) von Avtovağzal bis Tamada
- А вы откуда? Mit dem Rad durch Aserbaidschan
- Wissenssplitter aus den Reisesteinbruch (22) von Aralkum bis Zoroastrismus
- Ratgeber: Wandern im Fan-Gebirge (Tadschikistan)
- Seitenstrasse – Seidenstrasse: Mit dem Rad vom Kaukasus nach Zentralasien
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (23) von Aalam Ordo bis Yssyk-Köl
- Reisen nach Zahlen – 1100 Tage
- Elf Anekdötchen aus 1111 Reisetagen
- Ratgeber: Mit Rad, Baggage und Eisenbahn durch Zentralasien
- Mein Drei-Tage-China – der Ersteindrucks-Cocktail
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (24) von Apfel bis Yak
- Willkommen in Stania – die Fantastischen Vier Zentralasiens
- Reisen nach Zahlen – Tag 1200
- Die Mongolei – wie alles war, bevor alles begann
- Ratgeber: Südkorea und die besten Radwege der Welt
- Ratgeber: Osaka-Shanghai per Schiff
- Japan – selten so gelacht!
- Le Grand Prix de l’Asievision – die besten Ohrwürmer vom Kaukasus bis Japan
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (25) von 108 bis མཐུན་པ་སྤུན་བཞི།
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (26) Japan-Spezial
- Volkssport Karaoke – ein hellhöriger Streifzug durch Ostasien
- Wie ich im vietnamesischen Straßenverkehr das Vertrauen in die Menschheit zurückgewann
- Reisen nach Zahlen – Tag 1300
- Vietnam – alles total normal
- Wissenssplitter aus dem Reisesteinbruch (27) von Bangkok bis Zibetkaffee
Die Reiseroute (grob zusammengefasst)
Wie ich mit einigen Erschrecken feststellen musste, habe ich dieser Kategorie das letzte Mal auf der Seidenstraße mit Informationen gefüllt. Genauer, bei unserem Eintreffen in Taschkent. Da läge die Intention nahe, diese Routenbeschreibungen ganz zu unterlassen. Schließlich liegen ja zu den Stationen unserer Reise ausführliche Berichte vor und der sachkundige Leser kann unschwer die darausfolgende Route kombinieren.
- Die Mongolei -wie alles begann bevor alles begann
- Südkorea und die besten Radwege der Welt
- Osaka-Shanghai per Schiff
- Japan – selten so gelacht
Außer einem kleinen Ersteindruckssplitter fehlt hier nur noch das große China in der Berichtskaskade und das hat verschiedene Gründe, unter anderem jener, dass wir noch lange nicht fertig sind mit China. Aber keine Sorge, auch wenn ich Sorgen habe, dies irgendwann zusammenfassen zu müssen, der Bericht ist in Arbeit und wird kommen. Versuchen wir es also einfach zusammenzufassen: Nach etwa einem halben Jahr standen wir in Dongxing an der vietnamesischen Grenze und begehrten Einlass. Wir hatten im nahen Fangchenggang stilecht im 24. Stock Weihnachten mehr verbracht als begangen und lechzten nach einem weiteren, komplizierten China-Kapitel nach Ausreise. Ein neues Kapitel begann.
Ersteindrücke
Normalität – das ist das eindringlichste Gefühl, welches mich in den ersten Momenten Vietnam immer wieder durchflutet. Ich wundere mich ein wenig über mich selber und beäuge meine Reaktionen argwöhnisch: Angekommen in einem tropischen, exotischen Land am anderen Ende der Welt, und was ich im wesentlichen empfinde, ist ein Gefühl der Normalität? Sind wir wirklich schon so lange unterwegs, dass mir ein Land wie Vietnam „normal“ vorkommt?! Natürlich nicht. Selbstverständlich habe ich ein Auge für das viele Neue, Unbekannte und Andere um mich herum – etliche Details, die ich nicht verstehe, die mich neugierig machen und die meine Lust am Unterwegssein wieder anfeuern. Aber speziell nach China erfreue ich mich hier an vielen Dingen, die wieder einfach da sind und unkompliziert, wie als wäre es normal, zur Verfügung stehen:
- Internet ohne VPN und Gedöns
- Bezahlen mit normalen Papiergeld (wenn auch zu einem verwirrenden Kurs)
- kaum Kameras und stets präsente Überwachung
- kaum Uniformen und deutlich weniger Identifikation&Legitimation
Daneben sind es auch kleinere, andere Dinge, die das Leben auf einmal leichter und luftiger erscheinen lassen. Zumindest die Grenzstadt Móng Cái vermittelt den Eindruck einer normal gewachsenen Stadt mit hübschen Häusern, Bürgersteigen, Bäumen, Promenaden und Alleen. Es gibt nicht nur dort Licht wo etwas verkauft wird. Wir erblicken kleine Cafés, Lädchen und andere Indizien dafür in einer ganz normalen Stadt zu sein. Der französische Kolonialismus hat seine Spuren hinterlassen und wenn man die Augen etwas zusammenkneift, könnte man sich irgendwo am Mittelmeer wähnen.







Und dann diese Stille. Natürlich ist es eine lärmende Stadt mit knatternden Mopeds, kreischenden Baumaschinen und laut schwatzenden Marktfrauen, aber die unnötige, endlos die Sinne penetrierende Konsumkakaphonie der Megaphone, Ratschen und Boomboxen jener aufstrebenden Weltmacht da drüben scheint nur noch ein böser, komplett absurder Traum zu sein. Außerdem flutscht die Kommunikation auf einmal wieder deutlich besser. Das liegt nur teilweise an den vorhandenen Fremdsprachenkenntnissen der Vietnamesen. Es ist vielmehr diese merkwürdige Sache, dass die nonverbale Kommunikation hier wieder funktioniert. Der Austausch zwischen Sender und Empfänger scheint wieder mehr von bekannten Mustern und Erwartungshaltungen unterstützt zu werden so dass es deutlich leichter fällt, sich zurechtzufinden und Dinge zu organisieren. Ach, und apropos Sprachen, endlich wieder Buchstaben! Wir konnten wieder sehen!!! Seit der Mongolei endlich wieder unter den Alphabeten, das tat so gut.
Exkurs – die gespaltenste Wahrnehmung der gesamten Reise
In den vergangenen dreieinhalb Jahren Reise sowie in allen Reisen zuvor kam es immer wieder vor, dass wir Regionen, Länder jeweils anders wahrnahmen, interpretierten und schließlich verarbeiteten und abspeicherten. Das führte bisweilen dazu, dass es den Anschein erwecken konnte, wir wären auf gänzlich verschiedenen Reisen in komplett anderen Kontinenten, ja Paralleluniversen unterwegs gewesen. Das ist so nichts Außergewöhnliches und lässt sich auch meist leicht entschlüsseln. Im Falle von Vietnam kam es erneut zu einer solch konträren Wahrnehmung und der darauffolgenden, gegensätzlicher kaum möglichen Einordnung des bereisten Landes. Während ich mir dank Kaffee, Hängematten, freundlicher Menschen und einem hochgradig interessanten Land einen Ausgleich zu den hässlichen Seiten (Luftverschmutzung, Müll, Straßenverkehr) verschaffte und mich mit der Zeit immer wohler fühlte, ging es meiner Reisegefährtin hier ganz anders. Sie war von Beginn an abgestoßen bis verängstigt von der chaotisch wirkenden, unablässig hupenden Verkehrsgemengelage. Auch nachdem wir den hochindustrialisierten und dichtbevölkerten Norden verließen und die idyllischen Strände des Südens entdeckten, blieb sie weiterhin durch den als wahnsinnig wahrgenommenen Verkehr in einer Art Schockstarre. Diese wurde auch mit der Zeit nicht besser und so führte diese Angst und Abneigung dazu alles andere negativ und teils sehr ungerecht zu bewerten und sich weiterhin dauerhaft unwohl zu fühlen. Vietnam hatte schlicht und einfach verschissen bei ihr. Da konnte der paradiesischste Strand um die Ecke lugen, das köstlichste Menü den Gaumen erfreuen oder der fantastischste Nachtzug alle Sinne erfreuen – die nächsten Mopedistas, die ihr die Vorfahrt nahmen, machten in Sekundenschnelle alles wieder zunichte. Da half es auch nicht, dass ich mit der Zeit nicht nur meinen Frieden mit eben jenem Verkehr fand, sondern in ihm sogar mein Vertrauen in die Menschheit zurückgewann. Das Tischtuch war zerschnitten, die Fronten verhärtet – selten waren wir so uneins, selten gab es soviel Streit und Unbehagen. Und das alles nur weil die kleinen Vietnamesen sich nicht an unsere Verkehrsregeln halten können…
Aus diesem Grund wird dieser Bericht strikt im Singular gehalten sein und ist noch mehr als sonst ganz allein meine Sicht auf das kleine schmalbrüstige Land im hintersten Winkel Asiens.
Nordvietnam
Unsere Route kannte von Beginn an nur eine Richtung: Süden. Wir wollten an den Strand, die Füße hochmachen und relaxen. Schließlich war Vietnam schon seit längerem als Winterdomizil auserkoren. Sockenfrei und sorgenlos wollten wir in exotischer Atmosphäre die kalte Jahreszeit aussitzen oder besser abhängen (-> Hängematte). So fuhren wir zunächst in die unglaubliche Karstlandschaft der Halong-Bucht. Einige Reiseführer behaupteten dreist, dieses, als UNESCO-Welterbe geadelte Naturspektakel wäre schon der Höhepunkt von ganz Vietnam. Wir waren gebührend beeindruckt, fuhren über Silvester noch weitere Karstkunstwerke in der Gegend von Ninh Binh zu bestaunen und unsere Lieblingsschweizer zu treffen, um dann zurückzufahren und für einige Tage in die offenen Herzen unserer Getriebe zu starren. Ein überaus fähiger Radmechaniker hatte sich dieser angenommen und war darauf mehrere Tage damit beschäftigt sie wieder zusammenzusetzen. Irgendwann funktionierte glücklicherweise wieder alles und die Radtour durch Vietnam konnte beginnen.

Da wir nach Ninh Binh mit der Marschrutka gefahren waren, hätten wir es wissen können: Was da kam sah nicht direkt verführerisch aus. Das Delta des Roten Flusses gehört zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. In Kombination mit jeder Menge Industrie, Abgasen und allerorten schwelender Müllberge führt das zu einer Weltenecke, die man eher schnell hinter sich bringen möchte als hier länger als nötig zu verweilen. Wir dachten: Augen zu (und vor allem Nase) und durch, das wird schon besser werden. Wurde es auch, nur hatten wir bis dahin die Geduld verloren und gondelten im Zug an den angenehmer aussehenden Teilen Vietnams vorbei während wir uns den unangenehmsten Teil tapfer per Rad gegeben hatten.
Kaffee, Kathedralen, Propaganda
Neben all den kurz angedeuteten, eher unangenehmeren Begleitumständen, denen wir uns in Nordvietnam ausgesetzt sahen, gab es natürlich auch reichlich Schönes und Interessantes am Wegesrand. Zuerst fielen uns die zahlreichen und nahezu unanständig glitzernden Kathedralen auf. Natürlich war mir bewusst, dass ein nicht unbedeutender Teil der vietnamesischen Bevölkerung katholisch war, doch Ausmaß und Üppigkeit der Sakralbauten in einem formal sozialistischen Land überraschten mich dann doch ein wenig. Auffällig hier, dass die meisten der Bauten um die Jahrtausendwende errichtet wurden. Gab es da eventuell zu dieser Zeit ein Gesetz, Erlass oder Ähnliches, welches den Bau religiöser Gebäude erleichterte oder gar subventionierte? Irgendwie lag der Verdacht nahe. Noch irritierender als die unüberschaubare Anzahl an funkelnd-kitschiger Gotteshäusern war nur die Beflaggung in den Farben des Vatikans, die in manchen Orten derart übermächtig wirkte, dass Hammer, Sichel und Stern wie ferne Symbole einer längst abgehakten Epoche erschienen.








Waren sie aber nicht. Ganz und gar nicht! Schon auf den ersten Metern Vietnam fiel die konsequente und lückenlose Beflaggung mit den Insignien des Weltkommunismus ins Auge. Späterhin wurde diese immer wieder ergänzt durch Propaganda alter Schule in allen Formen und Farben sowie auch neuerer Geschmacksrichtungen. Exzellente Beispiele für letztere wären beispielsweise die Leitsprüche Ho Chi Minhs, welche auf Plakathaltern angebracht sind, die sichtbar durch ein hiesiges Kommunikationsunternehmen gesponsert wurden, welches wiederum zu 100 Prozent eine Tochter der vietnamesischen Armee ist. Ein besseres Symbol für die ausgerufene „sozialistische Marktwirtschaft“ ist schlechterdings kaum vorstellbar.










Und dann wäre da noch der Kaffee! Über den hatte man ja bereits im Vorfeld viel gehört. Duftende Legenden waberten über die chinesische Grenze, die wohl radikalste Heißgetränkescheide unseres Planeten. Nun bin ich schon seit Jahren überzeugter Teeologe, bin einem guten Kaffee aber weiterhin, der alten Zeiten und vor allem des Duftes wegen aufgeschlossen. Vietnam hatte mich diesbezüglich vom ersten Schniefer an.
Dabei ist der betörende Geruch wahrlich nur eine blasse Ouvertüre gegenüber dem was einen an Geschmack, Konsistenz, Textur und Augenschmaus erwartet wenn man in einem beliebigen Café ein Getränk ordert. Im wesentlichen gibt es drei Spezialitäten: Mit Salz (Cà Phê Muối), Eigelb (Cà Phê Trứng) oder Kokos (Cà Phê Dừa). Stets in der Heiß- oder Kaltversion verfügbar und samt und sonders köstlich, wobei ich im Zweifel den Salzkaffee favorisieren würde. Natürlich gibt es auch noch den bekannten Klassiker mit Kondensmilch (Cà Phê Sữa Đá), welchen ich aber aus Süßabneigungsgründen versuchte zu meiden und pur, wozu ich unbedingt raten würde um einmal die Robustabohne in direkten Kontakt kennenzulernen.



Kommen wir nun noch zu ein paar anderen Auffälligkeiten und Besonderheiten, die ich zeitlebens mit Vietnam verbinden werde und die nichts mit dem dicht besiedelten Industrie-Verkehrs-Armageddon zu tun haben. Wir betraten mit Vietnam seit langer Zeit mal wieder die wohligen Gefilde seeliger Mittagsruhe. Zur heißesten Zeit wird es recht unvermittelt ruhig auf den sonst ununterbrochen betriebsam und rege wuselnden vietnamesischen Straßen. Die Kinder kehren zum Essen und Ruhen aus der Schule heim, die Rolladen rollen herunter, die Hängematten füllen sich. Es wurde unsere liebste Zeit zum Fahrradfahren. Später, als es dann ernsthaft heißer wurde, nahmen wir natürlich mit Freude selbst an diesem Ritual teil.
Und dabei wären wir schon nahtlos beim Thema Hängematte angelangt. Wenn man mich fragen würde, was mir spontan zu Vietnam einfiele, wäre es neben dem einzigartigen Verkehr und dem außergewöhnlichen Kaffee wohl die Hängematte. Denn diese war bislang noch so gut wie nie in Erscheinung getreten, hier hing sie über all rum. In der Rasststätte, der Werkstatt, dem Laden – überall fand sich hierfür ein Plätzchen und oft genug auch einen Mensch, der sanft in ihr schaukelnd wegdämmerte.

Ein anderes markantes Alleinstellungsmerkmal ist natürlich das Klischee-Utensil Vietnams – der Kegelhut. Es ist erstaunlich wie diese schlichte Kopfbedeckung in der Lage ist Atmosphäre zu erzeugen. Fährt man durch die vielen endlosen Reisfelder mit ein paar Hütten und vereinzelten Palmen im Hintergrund, genügt ein Mensch mit solch einem Hut und der kitschige Vietnampathos tropft förmlich aus dem soeben geschossenen Foto. Wir erwarben uns in den letzten Tagen auch einen solchen Hut, waren dann aber nicht sonderlich überrascht als er sich nicht gerade als beste Kopfbekleidung zum Fahrradfahren entpuppte, sondern bei böigen Gegenwind sogar zur gefährlichen Todesfalle wurde. Trotzdem ein optimaler Sonnenschutz für die größtenteils windstillen Landschaften Vietnams. Es überraschte mich dann übrigens etwas, dass dieser Hut in Kambodscha gänzlich unüblich war, während er in Laos tatsächlich wieder auftauchte. Ich hatte immer gedacht, diese Kopfbedeckung sei zwar mit Vietnam assoziiert, in Wirklichkeit aber für ganz Südostasien typisch.





Ähnlich typisch, mir aber bis dahin gänzlich unbekannt war eine spezielle Art von Fischerboot, die wir Nussschalen tauften. Es handelt sich um Vollplastiken, die einer Nussschale gleichen und deren Seetüchtigkeit man vom ersten Augenblick anzweifeln möchte. Sie sind in verschiedenen Größen vorhanden, mit einem röhrenden, infernalisch lauten Außenbordmotor ausgestattet und hauptsächlich in den Morgen- und Abendstunden aktiv.




Südvietnam
Wir stiegen in Vinh in den Zug und knapp 1000km südlich in Tuy Hoa wieder aus. Wir versprachen uns nach den zermürbenden Erlebnissen im Norden weniger Besiedelung, weniger Industrie, weniger Verkehr und eindeutig mehr Strand. Wir wurden nicht enttäuscht. Die Städte waren kleiner, die Straßen ruhiger und tatsächlich hatte die globale Tourismuscamarilla es noch nicht geschafft, die gesamte Küste mit Betontrutzburgen vollzustellen. Es gab noch jede Menge leergefegter Strände (von Menschen wie auch von Plastikmüll) und, was vielleicht noch wichtiger war, landwirtschaftlich nicht genutztes Land. Seit den Kegelhügeln von Guilin in Südchina waren wir fast ununterbrochen durch Kulturlandschaft geradelt. Feld an Feld an Feld, jegliche Bäume standen in Reih und Glied oder hatten sich ängstlich in den spärlichen Parks versteckt. Rückzugs- und Entspannungsräume für die wilde Natur und uns, ihre etwas weniger wilden, zivilisationsmüden Gesinnungsgenossen blieben meist aus. Hier im Süden tat sich dann endlich der Horizont wieder in zwei Richtungen auf: Ein freier Blick auf das mächtige Weltmeer und nebenan ein halbwegs renaturiertes Gelände. Es tat uns gut und ließ zaghafte Hoffnung aufkeimen, dass die traumatisierte Liebste unter diesen Bedingungen ihre Beziehung zu Vietnam etwas auflockern könnte. Zu meiner Überraschung geschah nichts dergleichen. Der Splitter saß zu tief, hier konnte letztlich nur ein Tapetenwechsel helfen – Kambodscha.









Wir hatten im Vorfeld einiges über den „Ballermann Sibiriens“ gelesen und näherten uns so skeptisch wie ungläubig der Bademetropole Nummer 1 an Vietnams Küste. Bislang hatten wir hier noch nicht viel Tourismus erfahren und so vermuteten wir mal wieder durch eine dieser, größtenteils leerstehenden Bettenburgen zu radeln, ab und an vielleicht die Spuren russischen Tourismus erkennend, aber größtenteils im Geisterstadtformat. Nun, wir konnten kaum falscher liegen. Nha Trang stellte sich als die wohl bunteste, quirligste und durchgedrehteste Stadt heraus, die wir in Vietnam bislang erleben durften. Und alles war auf Russisch, überall liefen Russen herum – mitten am tropischen, vietnamesischen Südseestrand – es war einer der bizarrsten Kulturschocks dieser Reise.





Eigentlich hatten wir geplant, irgendwann das Meer zu verlassen und uns nördlich von Saigon elegant, ohne den Moloch mehr als nötig zu streifen, nach Kambodscha zu schlängeln. Doch wir konnten nicht lassen vom Meer, dessen beruhigende Wirkung an unserer Seite, wie auch der nicht nachlassende Rückenwind zu wirklich schönen Radtagen führte. Obwohl die Informationslage spärlich war, wagten wir es bis Vung Tau weiter am Meer zu bleiben und dann zu hoffen, dass uns ein Fährmann mit hinüber ins Mekong-Delta nähme. Und auch wenn es nicht auf Anhieb klappte, wir schafften es mit einem kleinen Holzkahn überzusetzen. Was folgte, war wohl eine der spektakulärsten Mitfahrgelegenheiten auf einer, an spektakulären Mitfahrgelegenheiten nicht gerade armen Reise.







Das Mekong-Delta, zumindest das Bisschen was wir gesehen haben, möchte ich hier auch wärmstens empfehlen. Zwar ist es auf den ersten Blick auch eine stark landwirtschaftlich genutzte Region ohne größere Reize, doch der geruhsame Charme der Dörfer, die Entspanntheit der Fischer und die herzliche Art vieler seiner Bewohner waren nach anderthalb Monaten ein würdiger und extrawarmer Abschied von Vietnam.
Wissens- und Bemerkenswertes
Es gibt so vieles an Außergewöhnlichen, Einzigartigen und Besonderen was ich in diesem Land erfahren und erlebt habe. Zuerst denke ich aber natürlich an all diese begabten Zweiradjongleure die mich mit der unglaublichsten und alle Gesetze der Gravitation spottenden Bagage in tolldreisten Schlenkern über-, ein-, ab- und erholten. Hinsichtlich der komplizierten Thematik der spezifischen Ausformung des vietnamesischen Straßenverkehrs sei dies noch zusätzlich nachgereicht. Wir sprechen hier nicht allein von jener erwähnten „Weisheit des Schwarms“, wir sprechen auch von einem schwer und schief bepackten Schwarm auf zwei Rädern. Ich bleibe dabei: Es ist ein Gesamtkunstwerk und sollte baldigst als Weltkulturerbe anerkannt werden. Kategorie: Balance und Wahn im Gleichklang des Chaos.

Empfehlens- und Bejubelnswertes
Zwei Sachen möchte ich nach alldem noch hervorheben: Campingplätze und Eisenbahn – zwei unverzichtbare, kostbare Kulturgüter. Mit ersterem taten wir uns, wie mit so vielem am Anfang schwer. Was aber auch daran liegen könnte, dass es derlei Einrichtungen in Nordvietnam schlichtweg nicht gibt. Erst an den Stränden Südvietnams wurden wir fündig und entdeckten dabei kostbare Perlen für den, der Unabhängigkeit frönenden Draussenschläfer. Meist hatten wir diese Anlagen komplett für uns und zahlten winzige Preise für die Nutzung der kompletten Infrastruktur, inklusive exklusiven Sonnenuntergangs. Hier einen Liste unserer getesteten und für exzellent befundenen Plätze.
- Coconut Tree Camping (knapp 30km südlich von Tuy Hoa)
- Khu cắm trại (kurz vor Mui Ne)
- Hang Sói Glamping (etwas verwirrend, hier gibt es auf engstem Raum drei verschiedene Camping, sorry Glampingplätze)
- Camping (!) Ninh Thuận (im nordöstlichen Teil des Nui-Chua-Reservats)
Es gibt natürlich noch viel mehr. Um sie zu finden empfehle ich Google Maps und den Suchbegriff: Glamping. Ja, tatsächlich. Warum auch immer, aber Camping hält man in Vietnam offensichtlich für nicht weiter als barbarisches Herumlungern.








Das Beste zum Schluss – der „Reunification Express“ von Hanoi nach Saigon – 1726km, 35 Stunden, Meterspur, 1936 fertiggestellt, größtenteils eingleisig, nicht elektrifiziert, Höchstgeschwindigkeit 100km/h (bei Wiedereröffnung 1976 lag sie noch bei 30 km/), 1334 Brücken, 27 Tunnel, 158 Bahnhöfe. Doch das sind nur die nackten, gleichermaßen erregenden Zahlen, doch dieser Zug ist nicht nur einen Legende, einer von meinen zahlreichen lange gehegten Eisenbahnträumen, nein, es ist auch einen tolle Verbindung (das versteht sich nämlich leider nicht von selbst!). Das Personal ist nett und hilfreich, der Zug ist sauber und angenehm klimatisiert, der Speisewagen ein Gedicht und, für uns aktuell einer der wesentlichsten Aspekte – es gibt einen eigenen Gepäckwaggon mit entspannten (nicht übereifrig-hektisch, ungewollt destruktiven) Personal. Auch hier erscheint es mir als, für unsere Zwecke ungemein entspannend, dass Vietnam ein zweiradgeprägtes Land ist. Wenn auch aktuell deutlich mehr Mopeds und Roller im Einsatz sind, die Menschen hier wissen mit Fahrrädern umzugehen. Das erleichtert unser Leben enorm.
Tipp fürs Reisen mit Rad in diesem Zug: Räder werden gut gepolstert im Gepäckwaggon abgegeben. Taschen kommen mit ins Abteil. Es gibt genug Zeit und Platz für dieses Manöver.








Entdecke mehr von Viva Peripheria
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

