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Wir beginnen diese, munter durch Asien schlenkernde Ausgabe der Wissenswerte und Erkenntnisfreuden mit Fu Lu Shou Sanxing, kurz Sanxing („Drei Sterne, Dreigestirn“), bestehend aus Fu (福), Lu (禄) und Shou (寿). Hierbei handelt es sich um die, in China an jeder Straßenecke verehrten alten Götter der drei Sterne, bzw. drei Gaben – Reichtum, Beamtengehalt und langes Leben. Diese stehen in der chinesischen Kultur seit Alters her für die drei Attribute eines guten Lebens. Nun sind diese verflixten chinesischen Zeichen ja meist sehr dehnbar und mannigfaltig übersetzbar. So könnte auch Glück, Wohlstand und Langlebigkeit gemeint sein, die im Reich der Mitte als besonders erstrebenswert gelten. Nun sind das natürlich alles Dinge, die das Leben im Allgemeinen nicht schlechter machen, dennoch fehlt mir hier zumindest der scheinheilige Versuch, ideellere, altruistischere Ansätze als erstrebenswert darzustellen. So bin ich versucht in diesen Sternengöttern, die seit Generationen bedenkenlos verehrt werden, auch eine gewisse Fixierung auf materielles Wachstum und Gedeihen zu auszumachen, und hierin wiederum ein winziges Ursachenbruchstückchen zu erkennen, dass für das tappsige Wachstumsmonster im Fernen Osten verantwortlich ist.

Angekommen in Vietnam stolperten wir mitten hinein in eines der größten Highlights welches dieses Land zu bieten hat – die als Weltnaturerbe prämierte Halong-Bucht! Wir ließen uns nicht lange lumpen und gönnten uns einen Ausflug mit einem der unzähligen Ausflugsdampfer, die tagein tagaus dieses Naturspektakel durchkreuzen und es dabei trotz größter Anstrengungen nicht ganz schaffen die Großartigkeit dieses Orts gänzlich zu zerstören. Bei Ansicht des fest abgesteckten Programms fiel mein Blick auf die Titop-Insel, auf der sich einer der schönsten Strände der Bucht befände und es natürlich auch sonst tiptop wäre. Selbstzufrieden grinsend über derlei banale Gags betrat ich schließlich die Insel und stand, umschwirrt von einem unablässig summenden Touristenschwarm vor einem Denkmal auf dem auf Russisch an einen gewissen Kosmonaut Titow erinnert wurde. Irritiert versuchte ich die subtropische Insel mit dem zweiten Mensch im Weltall in Verbindung zu bringen, doch es gelang mir beim besten Willen nicht. Allein die auffällige Ähnlichkeit von Titow und Titop drängte sich mir nun förmlich auf.

Und tatsächlich, ein Jahr nach seinem Besuch im All, welches er zwar nur als Zweiter erreichte, aber dafür den ungleich bedeutenderen ewigen Titel errang, als erster Mensch im Weltall geschlafen zu haben, besuchte Titow Vietnam. Offensichtlich schien er dort so viel Eindruck hinterlassen zu haben, dass man diese hübsche Insel kurzerhand nach ihm benannte.
Wir bleiben in Vietnam. Ist man hier ausreichend betört von den diversen Kaffeespezialitäten, ob mit Salz, Kokos oder Ei, forscht man unwillkürlich nach ob da noch mehr zu genießen ist. Dabei stieß ich auf Zibetkaffee. Dieser Kaffee ist vielleicht als Kopi Luwak oder „Katzenkaffee“ bekannt. Speziell die letztere Bezeichnung dürfte den Groschen fallen lassen. Es handelt sich hier um eine der abstrusesten Entwicklungen in der Welt halluzinierter oder schwer zu begreifender Genüsse. Es handelt sich bei dem teuersten Kaffee der Welt um ein Getränk bei dem die Kaffeebohne zuvor durch den Verdauungstrakt eines Tieres namens Zibet (auf Indonesisch „Luwak“) gegangen ist. Diese tropische „Katze“ ist eine sogenannte Schleichkatze bzw. ein Fleckenmusang. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Indien bis Indonesien, wo er ein scheues, nachtaktives Leben führt. Seine Lust auf die Früchte des Kaffeebaums, die in seinem Verdauungstrakt derart veredelt werden, dass sie einen einzigartigen, sanften Geschmack hätten, wurde ihm zum Verhängnis, denn angesichts des durchschnittlichen Kilopreises von €200-€600 erscheinen die üblichen Profitgeier, die die Produktion ankurbeln und den Prozess industrialisieren. Natürlich zu Lasten der Tiere, die in kargen Gitterkäfigen gehalten werden (ähnlich der Batteriehühnerhaltung), hier erhalten sie überwiegend Kaffeebeeren, was zu Mangelernährung, Stressverhalten und einer erheblichen Sterberate führt. Ob der Kaffee nun so spektakulär schmeckt und seinen Preis wert ist oder nicht, er hinterlässt in jedem Fall einen unangenehmen Beigeschmack.
Nachdem wir die überraschend lange und dichtbebaute Kathedralenregionen Vietnams hinter uns gelassen hatten, tat sich in Südvietnam das erwartete Meer von kunterbunten und goldglänzenden buddhistischen Tempelanlagen auf. Voller Staunen bemerkten wir jedoch schon auf den zweiten Blick, dass die zentrale Figur hier sehr oft eine eindeutig weibliche Buddhafigur zu sein schien.

Diese „weibliche Buddha-Figur“, auch bekannt als Avalokiteshvara oder Guanyin, der Bodhisattva des Mitgefühls, wird als Frau dargestellt und wird im Volksmund „Lady Buddha“ genannt. Viel mehr lässt sich hierüber nicht rausfinden und warum sollte man auch mehr wissen wollen!?
Seit einigen Monaten schmökern wir gelegentlich im Tao-te-King von Laotse, lesen uns Sprüche zum Morgen vor und versuchen auf diesem Weg die Weisheiten des Fernen Ostens zu ergründen. Eines Morgens war ich dann doch leicht perplex als der Weise aus ferner Vergangenheit mir mit meinem Fahrrad helfen wollte. Natürlich hatte mein Rad 32 Speichen, aber sonst passte es wie Arsch auf Eimer. Dachte ich erst, dann auch wieder nicht. Wie immer war es recht frei interpretierbar und lud zu längerem Sinnieren ein. Wie so oft.

Aber was hatte es jetzt wirklich auf sich mit dem Rad, was bei zahlreichen Tempelbesichtigungen von uns an prominenter Stelle entdeckt wurde? Natürlich nicht mit 32 oder 30 Speichen, eher deutlich weniger. Das sogenannte Dharmachakra (Sanskrit, das „Rad des Gesetzes“, von Chakra = Rad und Dharma = Gesetz) ist ein Rad mit acht Speichen und das Symbol der von Buddha verkündeten Lehre. Die Speichen symbolisieren den achtfachen Pfad, den ich hier tatsächlich schon einmal thematisiert hatte. Dieses Rad kommt zum Beispiel auch in der indischen Fahne vor, hier gönnte man sich allerdings ganze 24 Speichen. Die Anzahl der Speichen fluktuiert also in gewohnt undurchschaubarer Weise, fest steht wohl einzig das Rad. Und tatsächlich ist das Rad deutlich wichtiger als die Anzahl der Speichen. Vielleicht ist es ja sogar das, was uns die Weisen aus dem Fernen Osten verklickern wollten.

Einen Sprung weiter in Kambodscha gönnten wir uns am Ufer des nun endgültig erreichten Mekongs einen ausgiebigen Besichtigungstag in Kampong Cham. Schon unser erster Höhepunkt des Tages, der Phnom Pros („Männerberg“, 76m) war mit einer netten Geschichte verknüpft. Knapp gegenüber befindet sich nämlich der Phnom Srei („Frauenberg“) mit spektakulären 87 Metern. Der Legende nach entstanden diese Hügel im Zuge eines Wettstreits zwischen Männern und Frauen. Wetteinsatz: Wer verliert, muss den Heiratsantrag machen. Eine Nacht lang wurde geschuftet. Nunja, nicht die ganze Nacht. Die Frauen sollen gewonnen haben, indem sie die Männer mit Laternen täuschten und ihnen vorgaukelten, die Sonne gehe auf, wodurch diese ihre Arbeit einstellten. Wie gerne wüsste ich was die tatsächliche Geschichte war um die diese Legende gesponnen wurde!

Mit dem Überqueren der vietnamesisch-kambodschanischen Grenze war das kurze, erfrischende Zwischenspiel des Alphabetismus erneut vorbei. Nach China, Korea und Japan hieß es nun wieder die eigene Unfähigkeit zum Lesen demütig anzunehmen, anzuerkennen, dass man diese Schnörkel nie im Leben auch nur annähernd flüssig beherrschen würde und sich dennoch mit Feuereifer hineinzuwerfen ins kodifizierte Neuland. Nun verhält es sich im Falle Südostasiens selbstverständlich so, dass jedes Land seine eigenen Schnörkel hat. Doch nicht nur das. Es betrifft dieses Mal auch eine bislang vermeintlich sichere Bastion, und zwar die der Zahlen. Auch wenn es in China und Japan diesbezüglich ebenso traditionelle Varianten gab (die im Alltag aber kaum verwendet wurden), so waren meine arabischen (eigentlich ja indischen) Freunde stets ein verlässlicher Anker im unverständlichen Kuddelmuddel des ostasiatischen Zeichenchaos. Dabei ahnte ich noch nicht, dass es sich hier in Südostasien auch um indische Freunde handelt, kaum zu erkennen, leicht links verdreht und noch ein paar Pirouetten mehr. Tatsächlich erkennt man die Verwandtschaft nur mit Mühe und vielleicht auch nur wenn man sie unbedingt erkennen will, aber diverse Wissenschaftler sind sich einig: Der Ursprung unserer Zahlen und jener in Thailand, Laos und Kambodscha liegt ebenso in Indien. Vielleicht eine der frappierendsten Erkenntnisse, die ich auf dieser Reise sammeln durfte.

Dass sowohl die arabischen als auch die thailändischen Ziffern denselben indischen Ursprung haben, sich jedoch im Laufe der Geschichte visuell in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, ließ mich noch lange erkentnisheischend japsen und hecheln. Einmal mehr erahnte ich diffus, die enorme Bedeutung die dieser Subkontinent gehabt hatte und erfühlte über diesen Fall seine beispiellose Strahlkraft. Es versteht sich von selbst, dass selbst diese zehn Zeichen dank der Ländergrenzen ein wenig differieren, aber tatsächlich nicht grundlegend. Doch das ist noch lange nicht alles. Während das Zählsystem also indischen Ursprungs ist, stammen die Wörter für die Zahlen 2 bis 10 aus dem Mittelchinesischen, nur die Zahl 1 („neung“) ist ein astreiner Einheimischer. Tatsächlich fiel mir diese Ähnlichkeit eher auf als die mit „unseren“ Ziffern und noch einmal verharrte ich erkenntnistrunken ob diesem Gesamtkunstwerk kultureller Verwobenheit und Verknüpfung.

Es war ein verwirrender, verschnörkelter Tanz, der uns zum diesjährigen Feuerpferd führte. Zu Beginn des letzten Reisejahrs waren wir fest davon ausgegangen, dass wir das Chinesische Neujahrsfest natürlich in China verbringen würden. Wir fuhren nach Vietnam und beschlossen, gut, dann halt die hiesige, artverwandte zehntägige Orgie namens Tết. Bis wir realisierten, dass wir dafür zu wenig Visum hatten. Also Kambodscha. Und da kam der Haken, diese kleinen Khmer sahen es gar nicht ein, die Feste irgendwelcher großen Brüder aus dem fernen Norden mitzufeiern, stattdessen gönnte man sich einfach einen eigenen Kalender und begeht das Neujahrsfest circa zwei Monate später. In Anbetracht der Tatsache, dass wir monatelang davon ausgingen ein prächtiges, buntes und exotisch-explosives Neujahrsfest zu begehen, sahen unsere Möglichkeiten auf einmal bedenklich verkümmert aus. Wir sahen uns schon in Phnom Penh in einer Mall stehen und mit chinesischen Glücksspieltouristen mit Bubbletea anstoßen. Da rückte Laos in den Fokus. Mehr Chinesen, mehr Vietnamesen, mehr Party. So fuhren wir gen Norden und trafen kurz vor dem 17.2. in Pakse ein.
Die drittgrößte laotische Stadt gefiel uns vom ersten Augenblick an. Leicht verschlafen, unaufgeregt und einfach liebenswert für eine Stadt, genau der richtige Ort um zum zweiten Mal ins neue Jahr zu rutschen. Das gewaltige Feuerwerk in der Nacht zum 17. Februar war dem Ereignis angemessen, doch der spezielle Kick kam erst am nächsten Vormittag als wir in den Straßen etliche verkleidete Kindergruppen beobachteten, die nach dem immer gleichen Ritual die Geschäfte der Stadt „heimsuchten“ und dafür mit Briefumschlägen, die sicher mit Geld gefüllt waren, beschenkt wurden. Dies sah dann folgendermaßen aus: Mit fiel Lärm lief ein Drachen (später erfuhren wir, dass es sich hierbei um Löwen handele) in einen Laden, verfolgt von einem dickbäuchigen Mönch; beide führten allerlei Verrenkungen und Sprünge durch, bis sie sich irgendwann gemeinsam schlafen legten; die Musik verebbte bis die beiden wieder aufstanden und mit musikalischer Begleitung hinaustänzelten. Soweit so witzig und nett anzuschauen sowieso. Doch was steckt dahinter?



Der sogenannte Löwentanz ist ein zeremonielles chinesisches Tanztheater, das traditionell zum Neujahrsfest der Chinesen aufgeführt wird. Dröseln wir das mal gemütlich von hinten auf: Was machen denn zum Beispiel Löwen im Tigerland? Der hier dargestellte Löwe ist auch bekannt als das „Jahresmonster“ (年獸 / 年兽, Niánshòu) und dieser stammt aus einer alten Legende. Diese Legende beruft sich auf den damaligen Kaiser der Qing-Dynastie. Eines Nachts hatte dieser einen merkwürdigen Traum. Er träumte von einem mythischen Wesen, aus dessen Kopfmitte ein Horn ragte und das ihm gegenüberstand. Der Kaiser fühlte sich verängstigt, die Kreatur jedoch schaute ihn lediglich an und war mit einem Funkeln in den Augen wieder verschwunden. Der Kaiser ließ sofort am nächsten Morgen seine Gelehrten und Diener rufen und begann mit der Untersuchung der Bedeutung des Traumes und des Wesens. Seine Untergebenen kamen schließlich zu der Lösung, dass es sich bei dem Wesen um einen Löwen handeln könne und dass dieser dem Kaiser zu verstehen geben wollte, dass er dem Kaiser rangmäßig gleichgestellt sei. Fortan nannte der Kaiser diesen Löwen Ruishi (瑞獅 / 瑞狮, ruìshī – „Glückslöwe“).
Da der Löwe sein Leben gerettet hatte, sah der Herrscher ihn als Zeichen des Glücks. So befahl er, dass ein Löwe gebaut werden sollte. Da niemand einen echten Löwen gesehen hatte, wurde er nach den Schilderungen des Königs und nach dem Einbeziehen von Elementen anderer „Tiere“ (Drache, Einhorn oder Phönix) entworfen. Und genau so sieht er dann auch aus. Und damit steht dieser Löwe wohl am Anfang einer langen Reihe von meisterhaft kopierten und verbesserten Dingen, die im Laufe der weiteren Geschichte aus dem Reich der Mitte kommen sollten.
Über die unterschiedlichen Choreographien, Löwenfiguren und der Rolle, die der Kampfsport für die Entwicklung dieses komplexen Tanztheaterstücks hat, kann man sich an verschiedenen Stellen im Internet kundig machen. Kleiner Hinweis: Es ist ist verwirrend unübersichtlich, aber letztlich bleibt es dabei: Die Darsteller in einem Löwenkostüm versuchen die Bewegungen eines Löwen nachahmen, um Glück und Wohlstand zu bringen und das Böse abzuwehren.
Und zum Abschluss noch ein kleines Gedicht:
"Krung Thep Maha Nakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Ayuthaya Mahadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udom Ratchaniwet Maha Sathan Amon Piman Awatan Sathit Sakkathattiya Witsanukam Prasit“ („Stadt der Devas, große Stadt und Residenz des heiligen Juwels Indras, uneinnehmbare Stadt des Gottes, große Hauptstadt der Welt, geschmückt mit neun wertvollen Edelsteinen, reich an gewaltigen königlichen Palästen, die dem himmlischen Heim des wiedergeborenen Gottes gleichen, Stadt, die von Indra geschenkt und von Vishvakarman gebaut wurde“)
Doch hier handelt es sich um mehr als ein Gedicht. Es ist auch der offizielle
Stadtname einer thailändischen Stadt und mit 168 Buchstaben gleichzeitig der längste Ortsname der Welt. Die Einheimischen kürzen bisweilen radikal ab und nennen sie "Krung Thep" (Stadt der Engel), im Ausland ist sie eher als Bangkok bekannt.
Der Name Bangkok stammt vermutlich aus der Zeit vor der Stadtgründung (1782) und setzt sich aus zwei thailändischen Wörtern zusammen:Bang („Ort an einem Wasserlauf“); Kok: Wildpflaume (Makok), die dort früher massenhaft wuchs.
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